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Erstausgabe: Erschienen im IKGS Verlag, München, 2005, ISBN 3-9809851-2-1 Über dieses Buch: In diesem neuen Buch von Dieter Schlesak, im Verlag des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteu- ropas e. V. an der LMU München veröffentlicht, geht es um Autoren, die an die "Grenze un- serer Vorstellung" herangeführt werden, es geht um Lebensläufe, die von einem der blutigsten Jahrhunderte in der Menschheits- geschichte zeugen. Es sind exemplarische Lebensgeschichten und Persönlichkeiten, die zu einer Augenöff- nung beigetragen haben, es sind Lebens- geschichten aus leidgeprüften östlichen Ge- genden, im Besonderen aus der Bukowina und aus Transsylvanien. (Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien) |
DIE NACHZUSTOTTERNDE WELT
Paul Celans "Wahn-Sinn" - Leid und Erkenntnis eines millenaren Zeitbruches
Das Blochsche Noch-Nicht, das Noch-Nicht-Nachvollziehbare, das aber DA ist, braucht Zeit;
wir sind meist unfähig, es wirklich zu erleben, an bisherige Erfahrungen zu binden, fähig nur
"punktuell" es auf-blitzend erstaunt wahrzunehmen; es "geschieht" im Schlag von Lebensaugenblicken,
eher von Todesaugenblicken, auch im Tod von "Zeit"; und vielleicht geschah es aufblitzend 1989.
Diese Art blitzartiges Erleben, wie es auch Walter Benjamin in der Kategorie des "Chocks" beschrieben
hat, finden wir bei Paul Celan. Was im Alltag noch nicht erfahrbar ist, vorwegzunehmen und so etwas
Unmögliches sprachhandelnd zu TUN. Solch eine Art Dichtung wartet darauf, dass sie von der Geschichte
eingeholt wird. Das Kreative geht voraus: es ist eine Art Teleskop, Fernrohr, Elektronenmikroskop
für Orte der ZEIT, in Zeit-Räumen zu sein, die genau wie bei jenen Geräten, entdeckte Wirklichkeiten
zeigen, die mit freiem Auge oder nicht-sprachlichem Erleben gar nicht da und nach-vollziehbar sind,
ja absurd erscheinen, wie etwa die Titelzeile, die ich für meinen Essay gewählt habe:
"Die nachzustotternde Welt,/ bei der ich zu Gast/ gewesen sein werde, ein Name".
Dieser Name aber ist kein Begriff, es ist der Ort des Subjekts, wo mehr geschieht, als begriffliche
Sprache auszudrücken vermag. Für Celan ist er erfahrbar im ungedeuteten Augenblick, im Offenen, im
Bereitsein, im "Gebet der Aufmerksamkeit". "Man kann“, sagt Celan im "Meridian", seiner Büchnerpreisrede
1960, "verschiedene Akzente setzen: den Akut des Heutigen, den Gravis des Historischen - auch des
Literarhistorischen - den Zirkumflex - ein Dehnungszeichen - des Ewigen. Ich setze - mir bleibt
keine andere Wahl -, ich setze den Akut." (GW III, S. 197. ) Dabei und von diesem Jetzt aus halte
das Gedicht einem "Ganz Andern" zu. 1
„DIE NACHZUSTOTTERNDE WELT, bei der ich zu Gast gewesen sein
werde, ein Name, herabgeschwitzt von der Mauer, an der eine Wunde hochleckt.“( )
Diese fünf Verszeilen
stammen aus "Schneepart", dem letzten von Ce-lan selbst zusammengestellten Gedichtband, und wie ein
Vermächtnis klingen diese Verse. Mit Giuseppe Bevilacqua, dem Florentiner Übersetzer und Germanisten
kann man sagen, dass Celan bewußt einen "Nachlaß zu Lebzeiten" geschrieben hat; er zählte sich zu den
Toten, war ein zufällig Überlebender, jedoch ein Zeuge. Er hatte seine Eltern in einem Todeslager
verloren; sein Werk war von Anfang an ein Totengespräch. Die Wunde war bei ihm so wirklich, dass
Zorn bei ihm aufkam, wenn er nach literarischen Vorbildern etwa bei der "Todesfuge" gefragt wurde.
Unvergleichlich, unbeschreiblich ist, was geschehen war. Mitten in der Kulturlandschaft Europa.
Lieber Dieter Schlesak,
schon seit meiner Heimkehr Anfang April von Wien-Budapest aus, und über das Gefängnis Arad,
begleiten mich die Bilder und Gedanken Deiner Studien, Essays, Porträts. Mir war es in Berlin
rätselhaft, wieso Du als Widmung schreiben konntest, es handele sich um eine 'Verständnis'-
Freundschaft. Wo wir vorher uns wenig ausgetauscht hatten. Doch im Lesen deines Buches in
extenso, im Zug zB, Wien-Berlin 10 Stunden, und weiter, habe ich alle Fragen, die mich als
ein 1933er umtreiben, aufgereiht vorgefunden und Antworten bestätig gefunden, die ich im
Alleingang - und meistens gegen den strikten Denkkanon unserer sächsischen Landsleute
ergrübelt habe. Eigenes immer wieder aufgefunden in Deinen savanten und profunden Überlegungen,
es sind unglaubliche, spannende Betrachtungen, überraschende Deutungenwenn, wenn auch oft anders
formuliert als eigen Denkresultate. Das ist ein Leseerlebnis, das für mich nicht nur intellektuelle
Bestätigung von Eigengedachtem beinhaltet, sondern darüber hinaus eine große seelische Entlastung
im Gefolge hat: Du bist als Siebenbürger Sachse nicht nur ein bizzarrer Exot und unbequemer Querulant.
Ganz neu und überzeugend die vertiefte Interpretation von Celans lyrischer Produktion auf dem
biographischen Hintergrund seiner Sozialisierung und der persönlichen Erlebnisse. Das können die
dortigen Interpreten nicht leisten, die das komplizierte Beziehungsgefüge im ehemaligen
Vorkriegsrumänien nicht und nicht erfassen, auch heute nicht, z.B. daß noch immer die Fibel in Rumänien
in 11 Sprachen gedruckt wird. Und mittendrin die Juden, die zwar mit einer entliehenen Muttersprache
bedacht waren, aber ohne Mutterland ethnisch nirgendhin gehörten (irgendeinmal hat man ihnen im
damaligen Rumänien von staatswegen verboten, deutsche Schulen zu besuchen, später hat die Deutsche
Volksgruppe sie aus unseren Schulen verjagt). Ein vermintes Gelände auch dieses.
Beim Dialog mit
Capesius, das Du ungemein sachlich begleitet hast, ist mir aufgefallen, daß es Dinge gibt, ja
eine Form von Geschehen, der die Sprache nicht gewachsen ist, nicht im Guten, nicht im Bösen,
und nicht in der Wahrheit. Bewundert habe ich, mit wieviel Mut und Freimut Du Dich all dieser
heiklen Themen angenommen hast, dazu sine studio et ira. Großartig. Und alles ist sprachlich
und intellektuell beispielhaft, kanonisch bewältigt. Ich gratuliere! Wir sollten im Gespräch bleiben.
(Eginald Schlattner in einem Brief vom 13.-April 2006 an den Autor)