Visa. Ost West Lektionen
(Essays)


 

 

 

 

Erstausgabe: Erschienen bei S. Fischer
Frankfurt, 1970, ISBN 3-10-073201-4

Über dieses Buch: „Visa. Ost West Lektionen“, eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Systemen in Ost und in West, erschien nur ein Jahr nach Schlesaks Übersiedlung in den Westen. Schlesak hatte seinem Heimatland nicht zuletzt deshalb den Rücken gekehrt, weil gegen Ende der sechziger Jahre der politische Druck auf alle Intellektuellen und Künstler in Rumänien erneut zugenommen hatte.

 

 

 

 


Stimmen der Kritik:

Dem Text vorangestellt ist ein „Kleiner geographischer Kalender“: „5. Oktober 1968 – 25. März 1969: Bukarest / Brüssel / Paris / Frankfurt / Leipzig / Wien / Bratislava / Budapest / Bukarest; 25. März – 24. November 1969: Bukarest; 24. November 1969 – 30. März 1970: Frankfurt.“

Die bloße Auflistung dieser Daten impliziert einen Standort des Ichs diesseits des 30. März 1970; einen Standort, der es dem Ich nunmehr erlaubt, den etwa 18 Monate umfassenden Zeitraum zu überblicken und als einen relativ abgeschlossenen lebensgeschichtlichen Abschnitt zu begreifen. Aufgelistet sind die Rahmendaten der eigenen Emigration, allerdings einer verzögerten Emigration, einer endgültigen Ausreise erst im zweiten Anlauf, deren Ausgangspunkt die offiziell genehmigte West-Reise 1968/69 gewesen ist. Wie allein schon diese wenigen Daten erkennen lassen, präsentieren sich dem rückblickenden Ich die besonderen Umstände der eigenen Ausreise als ein weites Feld unterschiedlicher Ich-Ich-Konstellationen. So erinnert das gegenwärtige Ich ein damaliges Ich, das die Realität der westlichen Gesellschaften 1968/69 aus der Perspektive desjenigen erlebte, der im Westen weder bleiben will noch muss.

Daneben finden sich weitere Varianten der Ich-Ich-Doppelung: Die aus heutiger Sicht vorläufige Rückkehr nach Rumänien musste vom vergangenen Ich als eine womöglich endgültige erlebt werden. Während sich das Ich in Bukarest (März - November 1969) gefragt haben dürfte, ob es richtig war zurückzukehren, er-scheinen diese Monate aus heutiger (West-) Perspektive sicherlich als eine besondere Gunst der Umstände, weil sie es erlaubten, die rumänische Ost-Realität vor dem Hintergrund einer West-Reise mit Rückkehrgarantie neu zu beobachten. Musste das Ich in Bukarest jedoch befürchten, solch systemvergleichende Beobachtungen und Analysen niemals veröffentlichen zu dürfen, so weiß das Ich nun um die Möglichkeiten einer Publikation seiner Aufzeichnungen, die keinen Zensor mehr fürchten müssen.

All dies verweist auf einen Sachverhalt, der die Form der „Ost West Lektionen“ Dieter Schlesaks wesentlich bestimmt: Obgleich die Retrospektive einem vergleichsweise kurzen, erst jetzt abgeschlossenen Zeitraum von nur 18 Monaten gilt, handelt es sich doch um einen Lebensabschnitt, in dem das vergangene Ich seine Ost-West-Erfahrungen noch unter entschieden andersgearteten Rahmenbedingungen und Zukunftsaussichten sammelte. Erst mit dem endgültigen Entschluss, nach Rumänien nicht mehr zurückzukehren, konstituiert sich jene Perspektive, die es dem Ich erlaubt, sich nunmehr als „Doppelemigrant“ zu begreifen und die eigenen Erfahrungen in Form eines – in jeder Hinsicht kritischen – Systemvergleichs von Ost und West vorzulegen.

Im Zwischenraum

Schlesak bietet dem Leser insgesamt vier Lektionen über Ost und West (I-IV), jeweils untergliedert in einzelne, mit Titeln versehene Kapitel – also eher eine Essaysammlung, die neben weiträumigen Reflexionen auch erzählende Passagen enthält. Dabei handelt es sich vornehmlich um Reiseskizzen, die während des ersten West-Aufenthaltes 1968/69 entstanden sein dürften. Seien sie nun unverändert oder in überarbeiteter Form in die „Ost West Lektionen“ eingegangen, auch sie sind integraler Bestandteil eines Textes, dessen Gestalt konstituiert wird durch die nunmehr getroffene Entscheidung, nach Rumänien nicht mehr zurückzukehren.

Nur unter diesem Blickwinkel werden, wie gesagt, die Ereignisse der vergangenen 18 Monate zu einzelnen Etappen einer zuletzt endgültigen Ausreise. Gleich im ersten, mit dem Titel „Politische Reisekrankheit“ versehenen Kapitel bilanziert Schlesak seine Erfahrungen im erlebten Hin und Her zwischen Ost und West:

„Visa. Auf Übergängen ändern und sich selbst gegenübersitzen. Vis-à-vis. [...]

Grenz-Übertritt: Abenteuer, das für Ost-West-Reisende mit einem schwindelerregenden Freiheitsgefühl beginnt, Resultat eines angestauten und verdrängten Druckes und nicht Merkmal jener Welt, in die sie nun einfahren. Reisen in umgekehrte Richtung (West-Ost) bringen ein nicht zu unterdrückendes Gefühl des Bedauerns mit sich und die Frage: was wird mit mir geschehen? Habe ich etwas falsch gemacht? Wann darf ich wieder reisen? Als Fremder mit Heimweh kommt man in sein eignes Land zurück. [...] Das akute Stadium dieser Reisekrankheit dauert jeweils etwa drei Monate, das chronische als etwas abgeblaßte Bewußtseins-Beschäftigung möglicherweise noch zwei bis drei Jahre und als Erinnerungstrauma wohl das ganze Leben an. Nach der zweiten Reise trat eine Veränderung ein. [...] Die schöne Irrealität der ersten Reise war unmöglich geworden.“ (7ff.)

Teil I widmet sich dieser ersten Reise. Während das damalige Ich in den ersten Tagen und Wochen vom Gefühl erlebter Irrationalität geradezu überwältigt wird (vgl. 10-13), tritt für den Essayisten des Jahres 1970 die Frage in den Vordergrund, weshalb sich „so schwer ein Kontakt zwischen mir und der Welt hier (im Westen) herstellen ließ“ (15). In die Erörterung möglicher Antworten werden tagebuchartige Notizen eingeflochten: ein „Deutscher Bilderbogen“ (19) über einzelne Stationen dieser ersten Reise, die das Ich unter anderem durch das Rheintal und in den Harz unternimmt, Grenzerkundungen mithin, die der deutsch-französischen und der innerdeutschen Grenze jener Jahre gelten.

In Teil II geht es, der Chronologie folgend, um die Rückkehr nach Rumänien, genauer: um die psychischen Begleiterscheinungen einer Heimkehr, die zunächst noch durch den kritischen und wachsamen Blick auf eine fremd gewordene Heimat dominiert wird, bevor die innere Zensur erneut das Denken zu beherrschen beginnt: „Man ist also wieder zu Hause. Sitzt sich gegenüber, beobachtet sich, wie man sich langsam anpaßt, gewöhnt. [...] Eine kurze Frist bleibt, um mit Frankfurter Blick hier zu sehen und darüber nachzudenken. Möglichst viel aufzuschreiben, um es nicht zu vergessen. Denken läuft noch frei aus. / Das wichtigste, was dann nach kurzer Zeit schon geschieht, ist die schrittweise Anpassung. Der Blick verengt sich immer mehr, der Horizont schrumpft ein, Sprache und Denken werden primitiver. [...] Kritik und geistiges Selbstbewußtsein sind Amputationen ausgesetzt. Alles geht still, lautlos vor sich. Man wird müde, müde. Das tägliche aufreibende Geschäft des Sich-Sträuben-Müssens macht schlaff, läßt resignieren. Im sozialistischen Alltagstrott ist man dann nach einigen Monaten wieder ganz eingewöhnt. Man hat wieder sein Gefängnis im Kopf.“ (35)

Motiviert durch die übergeordnete Fragestellung, wie „wohl dieser großartig funktionierende Apparat der Denkhemmungen zustande gekommen [ist]“ (36), beschäftigt sich der Essayist im weiteren Verlauf des zweiten Teils mit den historischen Voraussetzungen und den politisch-gesellschaftlichen Grundlagen des realen Sozialismus rumänischer Prägung, mit der psychosozialen Verfassung von Menschen, die in weitest gehender Isolation unter diktatorischen Verhältnissen seit Jahrzehnten leben, mit der Zurichtung der Sprache zum Zwecke der Propaganda, mit den Folgen der staatlich verordneten Kunstdoktrin eines sozialistischen Realismus für die Literatur und mit der spezifischen Situa-tion der deutschen Minderheit in Rumänien.

All diese Reflexionen, ebenso kenntnisreich wie hellsichtig, dürften zurückgehen auf Vorarbeiten aus der Zeit unmittelbar nach der Rückkehr, angefertigt mithin in dem Bestreben, den durch die West-Reise befreiten Blick möglichst lange zu bewahren, bevor die Mechanismen der „inneren Zensur“ (35) erneut greifen, bevor das „Gefängnis im Kopf“ (35) erneut die Oberhand gewinnt. Die Diagnose rumänischer Wirklichkeit weitet sich in Teil III und IV aus in Richtung auf einen Systemvergleich von Ost und West. Unverkennbar ist dabei die Absicht, sich als Kritiker des Kapitalismus und des Sozialismus gleichermaßen von der jeweils anderen Seite nicht vereinnahmen zu lassen: „In beiden Systemen wird das jeweils Negative verschwiegen: im spätkapitalistischen Westen der dringend nötige sozialistische Produktionstrend, der im eingeschränkt sozialistischen Osten grundsätzlich (aber verschüttet) da ist – und im Osten die fehlende Rechts- und Sicherheitsgarantie der Person, die bis zu einem gewissen Grad in westlichen Gesellschaftssystemen realisiert ist.“ (84)

Auch hier, wie schon in Teil II, tritt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich weitestgehend zurück hinter den Versuch einer analytischen Durchdringung nun der je spezifischen gesellschaftlichen Grundlagen. Beide Systeme, daran lässt Schlesak keinen Zweifel, erscheinen ihm als komplementäre Formen einer in Ost und West gespaltenen Welt, die hüben wie drüben individuelle Freiheit und Autonomie verhindert: „Der westliche Gesellschaftsstatus ist nicht das vielgerühmte ‚kleinere Übel‘, das zur Beruhigung seiner Bürger und Ideologen erfunden wurde, sondern einfach ein anderes Übel.“ (83)

Auch die Teile III und IV basieren ganz offensichtlich auf Aufzeichnungen, die Schlesak noch in Rumänien angefertigt hat. „Hier im Osten“ (83), heißt es an einer Stelle, während einige Seiten später der Standort ein anderer geworden ist: „Hier in Frankfurt fallen die Grenzstreifen weg.“ (96) Der Text selbst lässt nicht erkennen, wann und wo welche seiner Segmente entstanden sind. Die Suggerierung einer gleichzeitigen Anwesenheit, das zweifache „Hier“ des Textes ist jedoch die logische Konsequenz eines Selbstverständnisses, das auf gleichzeitiger An- und Abwesenheit beruht – Grundlage jenes unbestechlichen Blicks, den der Essayist Schlesak für sich in Anspruch nimmt: „Wer nicht in beiden Welten denkt, in den Oppositionsweisen, die sich widersprechen, kann so weit kommen, im offiziellen Denken, in Institutionen (auf der anderen Seite) Verbündete zu sehen und seine Kritikfähigkeit in jeweils der andern Welt, in der er nicht lebt, einzubüßen.“ (79)

Der Preis ungetrübter Kritikfähigkeit jedoch ist hoch. In radikaler Distanz zu beiden gesellschaftlichen Systemen sieht sich Schlesak: im „neutralen Raum zwischen den so oft zitierten beiden Welten“ (76), in einem „Zwischenraum“ (77), der nichts anderes bedeutet als: Heimatlosigkeit. Sie ist der Preis für jene, „die in keiner der beiden Welten ein Wort sprechen können, ohne dessen Spiegelreflex in der andern zu berücksichtigen“ (77).

So instruktiv die Gesellschaftsdiagnostik auch ist, die Schlesak in seinen „Ost West Lektionen“ vorgelegt hat, aus der Perspektive des Jahres 1998 handelt es sich bei diesem Text jedoch eher um ein historisches Dokument, das seine Aktualität insbesondere mit Blick auf Rumänien weitestgehend eingebüßt hat. Wenn es allerdings darum geht, das schriftstellerische Selbstverständnis eines Autors zu erkunden, dessen Produktivität auch in der Gegenwart ungebrochen zu sein scheint, dann erweist sich der 1970 veröffentlichte Essay als Schlüssel zum Verständnis auch der späteren Werke Dieter Schlesaks.

In dieser Hinsicht erscheint „Visa. Ost West Lektionen“ als eminent wichtiges Dokument der Selbstvergewisserung eines Autors, für den das Schreiben die einzige ihm mögliche Antwort bezeichnet auf die Erfahrung der erzwungenen Migration.

Der ‚Doppelemigrant‘

Wie eingangs bereits erwähnt, begreift sich Dieter Schlesak als „Doppelemigrant“: ein Terminus, der die „innere Haltung“ des osteuropäischen Emigranten zu erfassen versucht: „Zu Haus nicht mehr, doch immer zu Haus, im Reiseland noch nicht, doch schon immer im Reise-Land.“ (9) Was dies im Einzelfall bedeutet, schildert Schlesak in eindringlicher Weise in dem Kapitel „Brüssel oder die Irrealität“ (10-13), in dem es um den Tag der Ankunft und die erste Zeit im Westen 1968 geht. In Gestalt eines Reisepasses schwarz auf weiß mit der Gewissheit konfrontiert, nun endlich das westliche Ausland bereisen zu dürfen, steigern sich die lange gehegten, an das Reise-Land als Traum-Land geknüpften Hoffnungen und Wünsche ins geradezu Unermessliche.

Das Ich befindet sich in einem Zustand der äußersten inneren Erregung: „Was hat sich alles in reiseverbotenen Jahren angesammelt: Städte wie Paris, Berlin, Frankfurt, Brüssel waren nicht real, sondern Punkte auf einer Landkarte und Traum-Bilder. [...] An diese Namen war alles gebunden, was ich noch nicht erlebt hatte, nicht erleben durfte; was man wahrscheinlich auch nie erleben kann. [...] Und weiter, eine Art Verheißung, ein verwirklichtes Paradies, wo der tägliche Druck der Angst und der politischen Selbstkontrolle abfallen würde: als freier Mann durch eine großartige Welt gehen, das ist der Trugschluß, den viele nach langjährigem Ost-Leben ziehen und alles Versagen und Ungenügen wie ein Goldenes Zeitalter nach vorne ablegen, wo das langentbehrte und für lange Zeit verlorene, gelobte Land betretbar wird.“ (10)

Heute weiß das Ich um die Unangemessenheit solch „bombastischer Vorstellungen“ (10), damals jedoch waren es gerade die über Jahre hin aufgebauten Wunschvorstellungen und Phantasien, die den Blick auf die nüchterne Alltagswirklichkeit Brüssels zunächst vollständig versperrten; einer „Isolierschicht“ (11) vergleichbar, die das Ich daran hindert, „zwischen meinem Bewußtsein und dieser Wirklichkeit einen Kontakt herzustellen. Ich ging fünf Zentimeter über dem Boden durch eine Stadt spazieren.“ (13)

Sich überdies in einer Welt bewegend, „wo es noch keine Erinnerungen für mich gab“ (11), befällt das Ich – nicht anders als den mitreisenden rumänischen Kollegen – „große Unsicherheit“ (11), die beiden das Gefühl verleiht, sich wie Neugeborene auf einem fremden Planeten zu befinden: „Als Babys dieses ungewohnten Planeten (West), wußte von uns keiner, wie der Fuß, wie die Hand zu bewegen waren, wie man den Hut aufsetzt, wie man spricht.“ (12) Es bedarf Wochen, gar Monate, um das Illusionäre ehedem gehegter Traumbilder über den Westen zu erkennen. Anders formuliert: Die etwa sechsmonatige Reise 1968/69 führt – geradezu zwangsläufig – in die große Ernüchterung: „Meine ganze Reise in den Westen war eigentlich nur eine Zerstörung von Illusionen, Mystifikationen. Eine Therapie. Ich hatte jahrelang von Phantasien gelebt.“ (19)

So stichhaltig Dieter Schlesaks Kritik am kapitalistischen Westen auch sein mag, die Vehemenz seiner Ablehnung insbesondere der westlichen „Konsum- und Kulturideologie“ (74) erklärt sich auch aus der Kollision von Wunsch und Wirklichkeit, der Enttäuschung darüber, dass die Realität jenem Bild nicht standzuhalten vermag, das Schlesak in Rumänien vom Westen entworfen hatte: „im Reiseland noch nicht, doch schon immer im Reise-Land“ (9). Vor diesem Hintergrund wird auch die nicht geringere Vehemenz verständlich, mit der sich im Westen schon bald „Heimweh“ (7) einstellt, „große Sehnsucht nach Bukarest“ (18) entsteht, sich die „Erinnerung [...] auf[plustert]“ (27) und das „ferne Gruselmärchen Rumänien“ mit der Zeit „so vertraut [wird] wie eine Kindheits-erinnerung“ (9).

Solch idealisierende Erinnerung ist die Kehrseite, besser noch: das logische Äquivalent des fortschreitenden Verlustes aller Illusionen über den Westen: „Zu Haus nicht mehr, doch immer zu Haus [...].“ (9)

Der vorgezeichnete Weg

Mit geringschätzigem Sarkasmus bedenkt der Essayist Schlesak die Werke osteuropäischer Kollegen, die sich den Prinzipien des sozialistischen Realismus unterstellten: „Das Wort ist das beste Mittel, künstliche Welten ohne Mühe herzustellen: für Schriftsteller und Diktatoren gleichermaßen geeignet. Sein Abstraktionswert kann bis ins Absurde übertrieben werden. Die Abwertung der bunten Fülle der Welt, die Vernichtung des Individuellen durch Abstraktion, die Verformelung der Wirklichkeit und ihre Manipulation, ist nur durch Sprache möglich.“ (44)

Kaum günstiger beurteilt er die Möglichkeiten der Literatur im Westen. Zwar seien die Spielräume des Denkens und des Schreibens sehr viel größer als im Osten, doch sei die Sprache hier bis zur belanglosen Beliebigkeit entwertet: „[...] nichts geschieht, nichts verändert sich, nichts mehr hat Bedeutung, auch das Wort nicht, auch die Aktion nicht, alles läuft sich tot; alles verläuft sich ins Unverbindliche, auch Politik, auch aggressivste Kunst, aufgefangen vom Konsum, vom Markt, von der ‚Gummiwand‘-Freiheit, die gar nichts bedeutet.“ (71) Gibt es also für den Schriftsteller in der Tat „keinen Ausweg mehr“ (19)?

Im Jahre 1970 sieht ihn Schlesak allein noch in der Form des Essays. Für sie werde die an sich prekäre Existenz im „Zwischenraum“ (77) der Systeme zur Chance, in beide Richtungen kritische Distanz und analytische Unbestechlichkeit zu wahren. Mehr, so Schlesak, sei ihm im Westen nicht möglich: „Hier käme ich nie auf den Gedanken, mich ‚lyrisch‘ gehen zu lassen, und habe auch noch kein Gedicht geschrieben.“ (97) Das hat sich, wie wir längst wissen, geändert. Dazu bedurfte es allerdings des Umzugs nach Camaiore in der Toskana.

Dieser Umzug war gleichbedeutend mit einer räumlichen Distanzierung von jenem Deutschland, dem Schlesak die grundlegende und nachhaltige Zerstörung ehedem gehegter Illusionen über den Westen allem Anschein nach nie verziehen hat. Dass Schlesak zur Literatur zurückfinden würde, deutet sich unter der Hand allerdings auch schon in seinem Essay von 1970 an. Dort definiert er Literatur als „Widerstand [...], sie kommt aus ihrem Bereich der ‚Zeit‘, der ‚Erinnerung‘, der ‚Utopie‘, aus der Möglichkeit, nicht aus der Wirklichkeit“ (19). Und an anderer Stelle führt er aus, Literatur sei „persönlichster Ausdruck eines sprachgewordenen Lebens [...], das Gedächtnis ins Wort bringt“ (44).

Wie der weitere Lebensweg Dieter Schlesaks zeigt, und hier vor allem die jahrelange Arbeit an seinem großen Roman „Vaterlandstage“, wird die literarische Erinnerungsarbeit für ihn zu dem vielleicht einzigen gangbaren Weg, mit jenem „Erinnerungs-trauma“ (9) des Emigranten umzugehen, von dem er bereits 1970 annahm, dass es ihn „das ganze Leben“ (9) begleiten werde.

„Visa. Ost West“ Oliver Sill, REISEN WEGWOHIN. Richard Wagner, Herta Müller, Dieter Schlesak. In: Studien zu Ost-West-Wanderungen im 20. Jahrhundert. Hrsg. Georg Weber. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2003

Weitere Rezensionen, Vorabdrucke und Lesungen

VISA. OST-WEST-LEKTIONEN Buchvorstellung des Fischer Verlags 1970;

Gert Peter Merk: Rumänien – Romanisch und deutsch, in: Frankfurter Hefte, 25.Jg. H.12, 1970;

Buchrezension, in: KK 28/1970; Ost-West-Lektionen, Buchvorstellung in: Berliner Morgenpost 23.10.1970;

Hans Bergel: Das geht uns alle an, oder „Ich bin immer auf der Seite der Schwächeren zu finden…“, in: Siebenbürgische Zeitung 31.10.1970;

Barbara Skriver: Buchvorstellung, in: Bücherei und Bildung 11-12/1970;

Andreas Birkner: Zwei Dichter ungewisser Herkunft, in: FAZ XXX Gert Peter Merk: Freund Partisan. Frankfurter Hefte, 26.Jg. H.5, 1971;

Hans-Peter Klausenitzer: Lektionen der Grenze, in: "Welt der Literatur", 1.04.1971;

Hansjörg Graf: Politischer Kompaß, in FAZ, 26.9.1971;

J.P.Wallmann: Fit-Sein als Ideologie, in: Rheinische Post, 23.01.1971;

Uwe Schultz: Marktlücken – reihenweise. Die ersten 14 Bände der Serie „Aus der Reihe…“, in: SZ 25.03.1971;

Astrid Connerth: Heimat ist die Sprache, in der ich schreibe, in: FAZ, Dezember 1971;

Andreas Birkner: Ost-West-Lektionen. Zwei Stimmen zu Dieter Schlesaks Büchlein „Visa“, in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 1/1971;

J.A. Stupp: Armes Europa… Zu einem Text von Dieter Schlesak, in: XXX 1971;

Buchvorstellung, in: Literatur und Kritik 1972;

Selbstanalyse (unvollständig) – Manuskript 1975;

Vorabdrucke

Progressivität als Kitsch, in: Frankfurter Rundschau 7.02.1970;

Überall thront der ewige Hirsch, in: FAZ 1.09.1970;

Sendungen

Walter Schmiele: Visa, Ost-West-Lektionen, in: Deutschlandfunk, Febr. 1971;

Lesungen

Lesung beim Fischer Verlag 21.10.1970;

Briefe

Gerhard Möckel 8.11.1970/8.02.1971;

Hans Bergel 16.12.1970 /6.01.1971;

an Hans Bergel 23.01/5.02.1971;

an die Schriftleitung der Siebenbürgischen Zeitung 26.11.1970;

Peter Härtling 16.09.1970;