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VATERLANDSTAGE
Und die Kunst des Verschwindens
(Roman)



Erstausgabe: Erschienen im Benziger Verlag,
Zürich 1986, Ausgabe vergriffen

Über dieses Buch: Ein Buch über das lebensge- schichtliche und existentielle Exil eines Deut- schen, eines Nachgeborenen.
Der Roman verknüpft die Endstation deutscher Geschichte mit dem Atomzeitalter, mit der Schuld der weißen Rasse, ihrer Kultur und Zivilisation in Ost und West, und beschreibt das Leiden eines Ich an dieser Todeswelt.

(Quelle: www.siebenbuergersachsen.de)



Leseprobe:
Ein X für ein U will uns jemand vormachen
MATER MATERIA UND DIE VIER EXILE DER LEERE

Dann trat ich auf die Straße ins Licht. Es war grau. Doch die Umgebung erkannte ich nicht wieder: Der Bus ist überfüllt, Leute drängen sich, drängen von draußen rein, hängen wie Trauben an den Treppen. Alle sind nervös, gereizt. Sieh jene Alte dort mit dem müden Gesicht, hundert Falten ziehn sich wie Rinnsale in geologischem Gestein durch die Haut, sie sitzt ergeben da, neben dem Schaffner mit den weißen Kartenblöckchen hinter einer offnen Kasse. Die Leute sind wütend, stoßen, drängen, brüllen sich an. Schweißgeruch.

Boulevards, die voller Menschen sind, ziehen an mir vorbei, als bahne sich ein Schiff durch ein Leutemeer den Weg; eintauchen, ein fades Gefühl, den ankommenden Details ganz ausgeliefert zu sein, zu ertrinken, es erfaßt mich, die alte Angst vor der tödlichen Nähe.

Sinnlos rennen die Leute durcheinander, ein Ameisenhaufen, da auf dem Bulevardul Magheru: wenig bunte Farben, mehr grau in grau, Mäntel, Jacken, Mützen. Da hilft nur ein Glas Wodka gegen die Nervosität. Blick auf den Palast des Präsidenten, ehemals Königspalast, Hohenzollern; Platz der Republik. Weißbehandschuhte Garde. Vor dem Eingang des ZK «unauffällige» Zivilisten.

Hier warst du einmal zu Hause. Die Sinne überströmt. Das ZK oben: irgendwo nebelhaft der Mittelpunkt. Wenn du daran vorbeikamst, gingst du auf die andere Straßenseite, das Trottoir vor dem großen Kasten mit den unzähligen verhangenen Fenstern war immer wie leergefegt, ein unsichtbarer Streifen, Angst, Leere.

So muß sich auch der Präsident in seiner sterilen und abgeschotteten Umgebung fühlen, wenn er sich nicht, dauernd  mit Größenwahn und hektischer Aktivität betäubt, den Abgrund dieser Leere füllen würde, die wie ein Sog, ein Vakuum den ganzen Sinn aus jedem Ding, jedem Menschen herauszieht, eine Art Magnetberg, der innen hohl ist, eigentlich ein Papierberg, nichts als Wörter, wenn man daran rührt, fällt alles auseinander: Paragraphen, Verordnungen, Sprüche, Versprechungen.

Und ich steige an der nächsten Haltestelle aus, in der Straße Edgar Quinet tret´ ich in die marmorkühle Vorhalle der philologischen Fakuhjt ein, Studenten und Studentinnen in grauen Mänteln geh'n an mir vorbei. Ich komme mir vor wie ein Greis, ich kenne niemanden mehr, keiner grüßt, ich grüße keinen. Ich steige die Treppe hinauf (der Lift ist wieder defekt), in dem Höhrsaal A, öffne die Tür. Der Saal ist leer.

Starrst die schwarze Wandtafel an, siehst Kreidestriche darauf entstehen, hörst die Illinca schreien, Jordan sekundiert, Angst steigt ein wie damals. Sie führen dich ab, Man fährt in einem Lastkraftwagen dir nach, den Fahrer hat Maria bestochen. Und in einem kleinen verdunkelten Zimmer der Vorstadt wirst du gezwungen, deinen Lebenslauf zu schreiben, immer wieder und wieder deinen Lebenslauf.

Wir wissen es, sagt Jordan, wir wissen genau, daß du einer von denen bist, einer, der den Verrat in sich trägt wie' eine Krankheit, für immer und ewig bist du, wirst du dieser sein, ein mieser Deserteur vor der Weltrevolution, angekreidet wird dieses dir.



Stimmen der Kritik:

Sprachgewaltig bannt Dieter Schlesak die Verhältnisse hier und dort, in Ost und West, in das Bild des achten Tages der Menschheitsgeschichte.

(Neue Zürcher Zeitung)


Dieter Schlesak, vigoroso e sottile narratore... sembrava riconoscersi nell´ indicativo presente. La vita, come diceva Svevo, originale e lascia presto indietro il suo ritratto stesso da una penna (...) Nel suo intervento a Trieste, Schlesak (...)ha detto genialmente che soltanto dopo Stalingrado é comniciata, per la sua gente, la possibilita di' una vera letteratura che nasce dalla consapevolezza e dall' esperienza della disfatta del perverso sogno di dominio. Ii romanzo ,Giorni della patria di Schlesak é un´espressione poetica di questo amore di patria puro e purificato e reca significativamente ii sottotitob L´arte di sparire.

(Claudio Magris, Corriere della Sera, 8 febbraio 87)




Aus einem Brief an einen Doktoranden
über die historischen Personen der
Vaterlandstage

Es ist zugleich ein Hinweis schon auf den "Auschwitzapotheker"

Lieber Pierre,

beiliegend schicke ich Dir das Versprochene; die Sendungen, einen Zeugenbericht der Aushebungen“ (Elfriede Zebli) aus meinem Roman „Terplan und die Kunst der Heimkehr“, aus dem ich ja auch in Gundelsheim im Festsaal gelesen hatte. Es ist die Fortsetzung von „Vaterlandstage“, sozusagen der Zweite Teil.

Dann auch eine Kopie eines Briefes von K.W. Keul aus dem KZ Neuengamme an die Familie in Schäßburg wegen Roland Albert, der in Auschwitz als SS-Offizier „Dienst“ tat.

Copyright: Aus dem Archiv von Dieter Schlesak

Es ging darum, den „armen Roland“ aus Auschwitz „herauszuholen“. Solche Briefe wurden vor der ganzen Familie vorgelesen, oft mit Tränen aufgenommen. Das Wort Auschwitz kommt einige Male vor.

Alle, die ich in den achtziger Jahren befragte, meinten sie hätten von Auschwitz nichts gewusst. Als ich ihnen den Brief zeigte, meinten sie, ja, ja, jetzt erkenne ich es wieder, aber das war dann „ein anderes Auschwitz gewesen“. Eine typische „Zustandsgrenze“, wie es die Psychiatrie definiert.

Ich liste dir hier die Fragmente auf, wo ich Tonbandprotkoll und Briefe verarbeitet habe:

ROLAND ALBERT, Enkel des Nationaldichters Michael Albert, Auschwitz-Offizier; dann Kommandant von Flossenbürg, wo unter seinem Kommando Bonhoeffer und Canaris gehängt wurden. im Roman „Vaterlandstage Und die Kunst des Verschwindens“, Benziger Verlag, Zürich 1986: (VT): Andreas, Onkel Andreas:

VT: S. 74-75; 86-90 186-188; 251-254 etc.

Dr. VICTOR CAPESIUS Auschwitz-Apotheker: Dr. C., Capesius

VT: S. 192-197 etc.

K.W. Keul im Roman: Töff, Onkel A., Tiefbauingenieur. Im KZ Neuengamme/Hamburg; dann KZ Buchenwald bei Weimar. Beim Häftlingsaufstand am 13. April 1945 von Häftlingen erschlagen.

VT: S. 68-69; 74-75; 89—91; 244-249

Der Anfang vom Ende: Die „Bluthochzeit“ Schmidts mit der Tochter des Reichs-SS-Rekrutierers Obergruppenführer Gottlob Berger:

In den VT: SS- Obergruppenführer Berger und sein Schwiegersohn Andreas Schmidt S.

S.74-75

Der 23. AUGUST 44, wichtigstes Eckdatum der Sachsen:

In den VT: 23. August 1944 (Erlebnisbericht): S. 109-113

Zur Atmosphäre, Stimmung, Bdem Ustand im Bewustsein der Sachsen jener Zeit gibt es viel Szenen in den VT, vor allem jene, die ich dir aufgelistet habe.

Ich hoffe, dass ich das Gepsrächsprotokoll Roland Albert bald finde, dann schicke ich es dir zu.

Alles Gute und kreatives Arbeiten

Dieter