Erstausgabe: Erschienen bei Druckhaus Galrev,
Berlin, 2000, ISBN: 3-933149-22-3
Über dieses Buch:
Der neue Gedichtband “Tunneleffekt” von Dieter Schlesak bewegt sich, wie schon der Titel sagt, zwischen Poesie und Wissenschaft. TUNNELEFFEKT ist nicht etwa die verbreitete Angst Österreich-Reisender, sondern ein physikalischer Effekt, auch “Tunneling” genannt, der die Frage aufwirft, ob man Informationen superluminal, also mit Über-Lichtgeschwindigkeit, oder gar mit negativer Geschwindigkeit transportieren kann, was Ursache und Wirkung verkehren würde.
Aber, da man es nicht so genau weiß, zeigt der “Tunneleffekt” auch eine “Aufenthaltswahrscheinlichkeit” jenseits der Mauern unserer Sinne, wie der physikalische Begriff der Unschärfe, der Undefinierbarkeit und Unauffindbarkeit von “Teilchen”, also von Wirklichkeit nur mit dem
Verstand. Schlesak begibt sich, mehr noch als in seinem vorherigen Gedichtband (Landsehn, Galrev 1997) so am radikalsten auf eine neue Landsuche im Innern des Forschenden selbst.
Wenn ich diese violetten Blumen vor meinem Fenster sehe
mich abmühe sie wirklich zu sehen – die verkrüppelte Pergola
mit dem Wein mich fragen muß ob ich später wohl weiß
was ich meine – es bleiben ja nur die Wörter stehen
die nicht mehr weitermachen wenn ich sie weglege
halte ich auf gut Glück einen Augenblick fest mehr
gelingt nicht als die Erinnerung an andere violette Blumen
und die Pergola von früher die in mir weitermacht.
Und ich kann sie nicht genau beschreiben sie kommt
aus der Wiese da vor mir die ich nicht mehr sehe
wenn ich meinen Blick wegwende dieser weißen Fläche zu.
*
Und das Wandern der Herde –
im Bildschirm verschluckt sie das Glas
Keine Röte mehr auf unserem Gesicht
trotz Sonnenuntergang
denn die Scham liegt tiefer
Das einst bis zur Erschöpfung
zitierte Herz
begreift nichts mehr.