
Über dieses Buch: 20. Juni 1989: Ich sehe in einer italienischen Zeitung das Foto eines kleinen Jungen: er steht mit bittenden Händen vor einer Mauer von Stahlhelmen auf dem Platz des "Himmlischen Friedens" in Peking. Ich lese dazu den Text: China lehrt es uns - der eigentliche Krieg wird heute nicht zwischen den Staaten oder zwischen Klassen geführt, sondern zwischen Machtapparaten und dem Einzelnen, zwischen jenem, der ein Gesicht hat, ein Leben, und dem gesichtslosen Anonymen, das die Welt beherrscht.
Erstausgabe: Erschienen im Reclam Verlag Leipzig, 1994, Ausgabe vergriffen
Das Jahr 1989, von dem dieses Buch ausgeht, ist ein vorausgeworfenes Zeichen einer neuen Zeit, vielleicht sogar eines der Jahrtausendewende; die Folgen dieser Revolution, die den Kalten Krieg beendet haben, verändern langsam aber sicher auch den Westen; die Analysen meines Buches haben sich bestätigt, die Folgen jenes Jahres sind erst heute deutlich erkennbar: der Rythmus der Metamorphose ist seither grenzenlos und atemberaubend, wir hinken mit unserem Bewußtsein und auch in der Praxis nach, als würfe tatsächlich das Jahr 2000 seine lichtschnellen Schatten voraus.
Auch die Grundaussage meines Buches, das 1990/1991 geschrieben wurde, hat sich in der Realität mehr und mehr bestätigt: Wir leben immer mehr in einer immateriellen und telekratischen Welt einer weltweiten Vernetzung bis hin zum Internet. In ihr wird der Abgrund zwischen dem, was Geschichte bestimmt, nämlich einerseits unsere elektronischen Haustiere und ihre Gesetze, wo Raum und Zeit überschritten werden, und andererseits der Welt unseres immer noch dreidimensionalen Alltags brisanter und benimmt uns weiter den Atem in einem sich abzeichnenden Geschwindigkeitswahns der "Chronokratie".
Auch die Welt als Täuschung der Medien, als Schein, die Substanz und Sein aufbraucht, hat zugenommen: Nichts mehr ist "wirklich", alles nur Vorführung, Medien-Theater, die Welt ein Gespensterwerk. Gleichzeitig wird die Abschaffung des sinnlichen Raumes, die Immaterialisierng der Welt vorangetrieben. So dringen Film, Elektronenmikroskop, Teilchenbeschleuniger, Formeln der Quantenphysik nochl exakter in Bereiche ein, wo früher nur die topoi der SCHRIFT, die Änigmen des verhüllten Offenbarens von göttlich Abgründigem berührten. Heute stellt diese technische Welt eines vierdimensionalen Zeit-Raumes auch die Alltagswelt her: Verkehr, im Wohnzimmer elektronische Haustiere, im Büro der Computer, dann der Fernsehabend. Im Körper neue Genvorgänge, ja, die Klonmöglicheit von Homunculi, in der Liebe Aids. "Draußen" AKW, Raketenkriege, Satelliten. Aber in der Familie, in der Politik, im sozialen Leben, in der Wirtschaft, und im Wissenschaftsbetrieb wird immer noch so gehandelt und geredet, als lebten wir noch in der Körperwelt des vorigen Jahrhunderts.
Es zeigt sich heute deutlich, daß die Aufstände im Osten nicht nur mitbedingt waren von dieser Grenzenlosigkeit der Information und der Medien, die 89 einerseits Betrug und Vorspiegelung falscher Taztsachen möglich machten, andereseits aber grenzgesperrte totalitäre Systeme mit Zensur, Ideologie, Stacheldraht und Wachtürmen unmöglich machten, sondern diese Aufstände fanden auch in der Tiefe jenes Zeitstillstandes einer anderen Zeitdimension statt, der als Schock erlebt wurde, für den Einzelnen ein ekstatisches, ja, fast religiöses Erlebnis der Gewaltlosigkeit und Öffnung, als gäbe es einen andern "Plan" als jenen, der bisher historisch sichtbar geworden war. Dieser kollektive inspirative Prozeß stellte rationale Planbarkeit wider Natur und Seele, Kontrollierbarkeit des alten Fortschrittsglaubens, und auch dessen Physik, der auf einer linearen Zeit, rationaler Geschichte und ihrer eudämonistischen Utopien beruht, in Frage. Ähnlich radikal wie die Ökologie, die Wachstum in dieser Richtung als tödlich zeigt und ein Umdenken und eine radikale Umorientierung des Geschichtsprozesses fordert! Diese Revolten fanden also quasi in der Zukunft statt, in einer andern Zeit, als der festgefahrenen westlichen, ja, der körperlichen Ebene, fast auf einem andern, eher inneren, nur durch Intuition und Bewußtsein zu erreichenden Planeten. Und niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann begreifen, was dort geschehen ist. Vor allem eines nicht: Daß die alte Massenpsychologie, die von einer aggressiven Massenseele und Verführung durch Worte und charismatische Verführer ausgeht, von Gewalt und Zerstörung, - nun für diese Revolten nicht mehr gilt; es fand das Gegenteil statt, eine Masse von gewaltlosen Einzelnen, von Millionen Innerlichkeiten implodierten, drückten durch Blumen, Kerzen, ja, Gebet und stillen Todesmut in diesem befreiten Moment eines Systembruches etwas aus, das sonst die Infektionen eines sozialisierten Bwußtseins mit seinen Sperren, nicht erleben kann: einen schockartigen Einbruch aus einer anderen "numinosen" Zone, die durch Worte nicht faßbar ist, da die Dinge plötzlich aus ihrem Namen fielen!
Daß dann nachher alles anders wurde, ein Vakuum entstand, in das die Strukturen des alten Westens einströmten auf diesem leeren Platz, alles überfluteten, ein neues Elend einer wilden Übergangszeit entstand, war vorauszusehen, auch daß daraus der Irrtum entstand, die in der Diktatur verlorene Lebenszeit könnte vielleicht durch die beschleunigte Westzeit wieder aufgeholt, deren falsche Freiheitsversprechungen nachgeholt werden, gehört zu den Unvereinbarkeiten und traumatischen Irrtümern, die noch ihre Folgen haben werden. Denn eine Rückorientierung auf die eigentliche Substanz findet inzwischen im Osten, vor allem in Rußland, statt.
Die vorausgeworfenen Zeichen einer neuen Zeit bleiben, 1989: Erinnerung sozusagen an die Zukunft: Dadurch, daß der Einzelne, der total Vergessene, aber Träger der Rätsel unserer Existenz, wieder aufgetaucht und wider Apparate und Staaten, ja, wider die Abstraktheit der Gesellschaft aufgestanden ist. So wurde in sozialen Prozessen etwas sichtbar, was auf andere Weise schon die Beschleunigung der Zeit und die Immaterialisierung im Westen fertiggebracht hatte, was also an der Zeit war: die Einsicht, daß die Welt Wissen, Information - oder besser: Geist ist, der nicht als Geist erscheint, und dessen Träger ja der Einzelne ist; die Zeit wurde wie im Chok angehalten, ein Einbruch fand statt in diese Täuschung des dreidimensioanlen nur sichtbaren Raumes und der Uhrzeit. Wie in allen Revolutionen übrigens. Bekannt ist, daß in der Junirevolution gleichzeitig und an verschieden Stellen von Paris auf die Turmuhren geschossen worden war!
Die italienische Ausgabe meines Buches, eine rumänische erscheint übrigens noch in diesm Jahr, zeigt, daß "Wenn die Dinge aus dem Namen fallen" aktull geblieben ist, daß heute kaum etwas hinzugefügt werden müßte, es sei denn, neue historische Daten, die aber die Grundgedanken dieses Buches vollauf bestätigen.
Agliano, 3. Juni 1997 Dieter Schlesak