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Dieter Schlesak in einer Tradition der Liebeslyrik zu orten ist schwer. Vielmehr lässt sich sein Liebesbegriff, der sich
ja aus den unterschiedlichsten intertextuellen Bezügen zusammensetzt und jedoch mehr als einfaches Gelehrtsein ist, aus
dem gesamten Weltbild des Dichters herauslesen und nur im Zusammenhang mit seiner Poetik der Zwischenschaft verstehen.
Man kann also Schlesaks Gedichtband Lippe Lust (Lyrikedition 2000, Book on Demand, buch&media Verlag, München 2000)
1
nicht außerhalb eines Netzes von Topoi und Leitmotiven betrachten, die in seinem lyrischen, narrativen wie essayistischen
Werk immer wieder vorkommen und von einer kohärenten Weltanschauung zeugen.
Wiederholt spricht Schlesak in seinen Selbstreflexionen (in den Interviews und Essays) von einer gemeinsamen Funktion der
Lyrik und der Erotik.
Im Absoluten lebendig zu sein, bewußt zu leben – oder im kleinen täglichen („ökonomischen“) Tod einer angepassten Existenz
als „Sozialtier“ dahinzuvegetieren. Schreiben, Inspiration, Liebe können es verhindern.
2
Oder:
Heute aber ist der Widerstand ontologisch, das heißt vor allem poetisch, denn die stärkste Macht jener Mattscheibenwelt und
ihres Raubbaus an Natur und Seele ist der menschenvernichtende Irrglaube, daß das Sichtbare „alles“ ist, der Tod ein
endgültiges „materielles“ Aus sei. Und das stärkste Tabu (...) wird nur im Traum, in der Imagination, in der Sehnsucht,
ja in der Liebe und auch in der Erotik, in ihren Ekstasen gebrochen: Ekstasen in der Liebe – in Diktaten der Kunst und
Poesie, in grenzüberschreitenden Praktiken von Medien und Meditierenden. Und in numinosen Zuständen von dazu Begabten,
bei allen aber im Traum und in Zuständen der Gefahr zwischen Leben und Tod ist jenes tremendum des Numinosen da.
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Damit wird eine feste Verbindung zwischen Lyrik und Erotik einerseits und einem esoterischen Wissen andererseits hergestellt.
Es geht dabei um die Opposition zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt und um den angestrebten Zugang zu einer ganzen
Realität, die die unsichtbare spirituelle Dimension nicht ausgrenzt. Schlesak schreibt in einer postsäkularen Gesellschaft,
die, um mit Habermas zu sprechen, „gleichsam osmotisch nach beiden Seiten hin, zur Wissenschaft hin und zur Religion hin,
geöffnet“
4
ist. Der von Max Weber postulierten „Entzauberung der Welt“, die durch rationalistische Strategien des fortschreitenden
Kapitalismus zustande kam, hält der nachmoderne
5
Dichter Dieter Schlesak die Sinnsuche in neuen Formen der Metaphysik
und ein holistisches Menschenbild entgegen. Zu dieser Einstellung tragen auch die neuen wissenschaftlichen Zugänge bei
(z.B. Heisenbergs Theorie der Unschärferelation oder die Schriften des Physikerphilosophen C. F. von Weizsäcker, die
von Schlesak mehrmals erwähnt werden), in denen eine Annäherung der denkbar gegensätzlichen Bereiche der negativen
Theologie und der Quanten-Logik stattfindet.
Das Projekt Dieter Schlesaks könnte man wohl als Remythisierung nach dem „Tod Gottes“, d.h. nach dem Ende jedes in Gott
resümierten Sinns der Welt, beschreiben. Darin äußert sich keine naive Wiederaufnahme der subjektphilosophischen
logozentrischen Tradition vor Nietzsche. Ganz im Gegenteil: Es handelt sich vielmehr um ein säkularisiertes Element
im Denken des Dichters, der die Wahrheit nicht einer einzigen Glaubenslehre zuspricht, sondern die „Pluralität und
Offenheit heute“ anerkennt und darin einen Versuch sieht, „dem entlarvten ideologieverdächtigen „Abslouten“ zu entkommen“
6.
Zugleich warnt er aber davor, dieses herkömmliche Absolute mit dem „Einen“ der negativen Mystik, dem unfassbaren Ursprung
des Seins, zu verwechseln. In diesem Zusammenhang kommt der Lyrik die Aufgabe zu, mit Mitteln der Sprache die Grenzen des
Gewohnten zu sprengen und den „Erfahrungskern der Existenz mit Metaphern [...], innern (Hervorhebung: D.S.) Bildern und
Traumbildern“
7
zu umkreisen.
Dieser Poetik liegt ein Zeichenbegriff zugrunde, worin sich eine Identifikation von Wort und Ding, von Wort und Heiligem
vollzieht. Das Gedicht wird also einem göttlichen Schöpfungsakt gleichgesetzt, der im Sinne von Hölderlin eine radikale
„Umkehr aller Vorstellungsarten und Formen“
8
herbeiführen sollte. In diesem Kontext könne die Lyrik auch Epiphanien
des Numinosen vermitteln, die das Zeitkontinuum unterbrechen und die Grenze zwischen Leben und Tod auslöschen. Die
Gedichte Dieter Schlesaks bewegen sich ständig auf dieses Desiderat hin und erheben damit den Anspruch, den Techniken
der mystischen bzw. der erotischen Ekstase gleichzukommen.
In diesem Zusammenhang sollte man meines Erachtens die erotischen Gedichte Dieter Schlesaks betrachten. Der Begriff Erotik
bennent bei diesem Dichter ein Phänomen, das über die sexuelle Attraktion zwischen Mann und Frau hinausweist. Er beschreibt
vielmehr eine kosmische Kraft, die im Stande ist, den Riss in der Schöpfung, die artifizielle Grenze zwischen Geist und
Materie wenigstens für einen Augenblick zu überbrücken und dadurch dem Menschen zur einer „mythischen Wahrnehmung“
9
der Wirklichkeit zu verhelfen.
Mein Beitrag ist einer doppelten Absicht verpflichtet. Zum einen versuche ich Schlesaks Poesia erotica vor dem Hintergrund
der kabbalistischen Tradition der Weltschöpfung aus den Buchstaben des hebräischen Alphabets zu lesen. Zum anderen möchte
ich aus einer feministischen Perspektive auf einige interessante Aspekte des Frauenbildes aufmerksam machen, die in diesem
Gedichtband zum Ausdruck kommen. Die erste Interpretationsrichtung wird sowohl von vielen Textstellen angeregt, wo es sich
um kosmologische Schemata handelt, die als Figuren des hebräischen Alphabets gefasst werden, als auch von den theoretischen
Überlegungen des Autors
10.
In seiner Lyrik geht Schlesak von einer Metaphysik der Sprache aus, die zugleich eine Kosmologie enthält und von der kreativen
Magie der Buchstaben Gebrauch macht. Darin vollzieht sich eine Wendung zu vormodernen Herkunftswelten, die freilich nicht
vereinzelt ist, sondern mit dem Interesse vieler Autoren des 20. Jahrhunderts an Hermetik und Okkultismus vergleichbar ist.
„Zukunft braucht Herkunft.“ heißt es in einem Vortrag von Dieter Schlesak
11
und diese Überzeugung drückt sich nicht nur
in seiner intensiven Beschäftigung mit der jüdischen Mystik aus, sondern auch im wiederholten Verweis auf solche
unterschiedlichen Denker wie Swedenborg, Friedrich Weinreb, Laotse usw., die man alle einer esoterischen Tradition
zuordnen kann. Im folgenden werde ich auf eine Untersuchung der intertextuellen Bezüge bei Dieter Schlesak verzichten
müssen und mich stattdessen auf die konkrete Funktion der kabbalistischen Symbolik im Gedichtband LippeLust konzentrieren,
die ich am Beispiel einiger ausgewählten Gedichte beleuchten möchte.
Meine These ist, dass für Schlesak der Antrieb des Schreibens in einer theurgischen Intention liegt. Unter Theurgie verstehe
ich die von Moshe Idel
12
definierten Praktiken – Gebete, Meditationen, Rituale –, denen die Macht zugeschrieben wird, auf
die Gottheit Einfluss ausüben zu können. Das Brückenbauen zwischen „der alten Sinnenwelt und jener anderen, immateriellen
Welt, die geister- und geistnah ist, wo Zeit und Raum aufgehoben sind“
13
, die Vermittlungsfunktion der Literatur, die die
Kritiker schon bemerkt haben
14
und die eine sinnbildende Wirkung in der posthumanen Welt nach Auschwitz und dem Gulag
anstrebt, ist ja eine säkularisierte Form von Theurgie.
Auf den ersten Blick scheint eine feministische Lektüre der Gedichte mit einem aus der Kabbala inspirierten Weltbild schwer
zu vereinbaren. Man könnte jedoch in der erotischen Lyrik Schlesaks eine gewisse Abweichung vom tradierten Frauenbild
feststellen, die u. a. einer intensiven Auseinandersetzung des Autors mit der Kabbala entspringt. Feministische Ansichten
werden im Text nicht explizit artikuliert, sondern bieten sich als Interpretationsmöglichkeit an, vor allem weil der ganze
Gedichtband auf einer durchgehenden Polarität von „männlich“ und „weiblich“ aufgebaut ist. Eins soll vorweg gesagt werden:
LippeLust ist der Ausdruck einer deutlichen Aufwertung der Körperlichkeit und der Sexualität, die von einem patriarchalischen
Frauenbild abweicht. Obwohl die Frau immer noch als die Andere imaginiert wird, ist diese Alterität durchaus eine Kategorie
jenseits der essentialistischen Geschlechterdichotomie.
Männlichkeit und Weiblichkeit sind Archetypen, deren Komplementarität in ein mythisches Sinngefüge neu eingeschrieben wird.
Die erotische Begegnung der Geschlechter beruht weiterhin auf einer Dialektik von Eigenem und Fremdem, die anders als das
tradierte Muster keine Hierarchie voraussetzt. Bezeichnend ist auch die dialogische Struktur mancher Gedichte, wo sich die
männliche und die weibliche Stimme bis zur Undiffenrenziertheit abwechseln. Die artikulierten Ichs changieren vom „radikal
subjektiven Ich“ zum „poetologischen Ich, das seine eigene Funktion innerhalb des Gedichts reflektiert“
15,
wobei das Du
auch nicht mehr ausschließlich auf die in Liebesgedichten naheliegende Anredeform bezogen wird. Manchmal ist die zweite
Person vielmehr im Kontext einer Ich-Spaltung zu verstehen, vermutlich als Jungsche anima, die der Liebende auf seine
Geliebte projiziert:
ALS ICH ZU DIR KAM
War die erinnerung da
ein mädchen in mir
so laut so stark so heftig noch
und du nur da
es leis zu übertönen.
Die Stimme der inneren Weiblichkeit wird dem Schreibenden erst nach dem „kleinen Tod“ des Orgasmus bewusst, die ähnlich dem
Schreckerlebnis oder dem poetischen Einfall die alltägliche Reizüberflutung durchbricht und das „Heraufkommen von anderen
Archetypen und Bildern von jenseits der Grenze“ ermöglichen, „die die gewohnten löschen.“
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Da kamst du an in wilder zärtlichkeit
und immer stärker war die stimme
die du bist
in mir erwacht
Dann die gefahr daß deine liebe geht
erst nach der liebesnacht kam diese stimme
sie brannte mich wie feuer
und die absenz schlug ungeheuer
wütend an die leere
ein loch das keine seiten hat
und keinen ausgang keinen eingang
so daß nichts wiederkehrt
nur seine mitte ist
ein sog des abgrunds
schmerz
Wenn die Frau als passive Andere und im kulturell codierten Oppositionspaar „männlich“ - „weiblich“ als vom männlich-aktiven
Geist Verdrängte erscheint, wird sie in ein ähnliches ungleichgewichtiges Muster hineingebracht, wie die Juden, die von den
kulturell „Eigenen“ Deutschen zu Anderen gemacht wurden
17.
Schlesak selbst deutet auf einen Dialog zwischen Deutsch und
Hebräisch in seinem Werk an, der dem Verhältnis der empirischen zur geistigen Welt entspricht. Deutsch wird dem Sichtbaren
und der Handlung gleichgesetzt, während das Hebräische eine von der Oberfläche verdrängte Tiefenstruktur darstellt. Hebräisch
ist die Sprache, die sich nicht verweltlichen lässt, der man – um mit Gershom Scholem zu sprechen – „den apokalyptischen
Stachel“ nicht ausgezogen hat. Die heilige Sprache ist ein Abgrund
18,
der sich unter der säkularisierten Oberfläche auftut.
Wenn man bedenkt, dass laut Weinreb Begriffe wie „Jude“ oder „Israel“ die nationale Konnotation verloren haben und mentale
Tendenzen bzw. Einstellungen gegenüber der Wirklichkeit symbolisieren, erhält die Parallele zwischen dem Jüdischen und dem
Weiblichen noch eine tiefere Bedeutung.
Diese lyrische Konstellation ist existentiell verankert und entsteht aus der Lebenssituation eines „Zwischenschaftlers“, d.h.
eines Nur-in-der-Sprache-Beheimateten. Die Exilerfahrung ist zentral im Werk Dieter Schlesaks, das in der heutigen von Absenz
und Immaterialität bestimmten Welt um eine Erweiterung der Perspektive auf die „mythische Wahrnehmung“ der Wirklichkeit bemüht
ist. In der Doppelnatur der Sprache (geistig und körperlich) widerspiegelt sich die Ordnung der Welt, was einer esoterischen
Auffassung entspricht
19.
Die unaufhebbare Fremdheit und Einsamkeit der Existenz ist ein Grundton der modernen Lyrik, der auch in diesem Buch mitklingt.
Schon die biblischen Genesis-Erzählungen erklären das Leben des Menschen als ein Leben im Fremden. Dieses allgemein-menschliche
Bewusstsein der Unheimlichkeit und der verstörenden Fremdheit des nachparadiesischen Menschen wird noch bei Dieter Schlesak
von den historischen Ereignissen verstärkt, die die tradierten sinnstiftenden Einrichtungen „Familie“, „konkrete beschränkbare
Heimat“, „vertraute eigene Kultur“ als illusorische Tröstungen entlarven. In der räumlichen Ordnung des Textes befindet sich
der einzige Begegnungsort, wo sich das Getrennte und Fremde wieder finden kann.
Die Erotik ist in diesem Zusammenhang eine Sehnsucht nach Vereinigung mit dem Fremden und Wiederherstellung des ganzen Menschen
vor dem Sündenfall. Ein utopischer Wunsch, ein Streben nach Einheit und Identität, die nur flüchtig und annähernd zu erreichen
sind. Schlesaks erotische Lyrik bewegt sich an der Grenze zur Mystik. Der Titel eines Kapitels von LippeLust lautet sogar
„Unio Mystica Erotica“ und im letzen Gedicht des Bandes ist von Hierosgamos
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die Rede.
Trotzdem – und das ist ein wesentliches Kennzeichen des Liebesbegriffs bei Dieter Schlesak – haben die aus dem Bereich der
Erotik stammenden Bilder nicht ausschließlich eine Verweisfunktion, die dem Leser höhere religiöse Inhalte anschaulich machen.
Im Gedichtband LippeLust kommt eine Einstellung zum Ausdruck, die sich deutlich von Augustinus’ antisexueller
Integritätsvorstellung im paradiesischen Zustand abwendet. Die enge Verknüpfung von Geschlechtlichkeit und Sterblichkeit
im Denken des Heiligen Augustinus hat jahrhundertelang die abendländische Kultur geprägt und die Körperfeindlichkeit der
größten Mystiker und Visionäre beinflusst. Die Hochschätzung der Jungfräulichkeit beruht auf einer Vorstellung von Sexualität
als einer Form der Gottunähnlichkeit, die zugleich eine Mahnung an den Tod und die Vergänglichkeit sei. Augustinus entwickelt
die Phantasie einer Fortpflanzung ohne sexuelle Lust, einer Intimität ohne Überschreitung der Körpergrenzen, wo „ohne Stachel
brünstigen Begehrens, in voller Ruhe des Geistes und Körpers und ohne Verletzung ihrer Unversehrtheit, […] der Gatte seines
Weibes Schoß befruchtet.“
21
Von dieser dominanten theologischen Auffassung ist Schlesak meilenweit entfernt. Er bringt zwar die Geschlechtlichkeit auch
in die Nähe des Todes, spricht sie aber von der Sündhaftigkeit los. Die letzte Konsequenz des Sündenfalls sei, so Schlesak,
die Unfähigkeit, die spirituelle Dimension der Wirklichkeit zu erfassen. „Nur getrennte (materielle) Körper zu sehen, ist
eine Art Sündenfall, weil wir so im Körper und unseren Sinnen – also dem Schein und der Illusion – gefangen bleiben!“
22
Unsere Vorstellung von Erotik müsste also vielschichtiger, umfassender, mystischer werden und die Aufspaltung des Begriffs
Liebe in Eros und Agape überwinden. Mehrfach kommen in den erotischen Gedichten Schlesaks Bilder der Verschmelzung vor,
die das göttliche Konzept der nach Ganzwerdung strebenden Sexualität wiederherstellen. So wird der Körper nicht mehr vom
Geist getrennt, sondern die Sexualität vielmehr als jenen Punkt der menschlichen Person anerkannt, an dem der Körper am
ehesten zum Geist durchbrechen kann. Die erotische Vereinigung grenzt an ein Versinken in den Urzustand freudentrunkener
Ekstase und das Eins-Werden mit dem Universum.
LUST WILL ICH DIR GEBEN LUST WEIL ICH DICH MAG
so daß du untertauchst in meinem fleisch
und wir uns ganz vergessen
die härte weich wird: du und ich
wir sind das erste paar
wir sind ein jedes paar
wir sind in diesem augenblick
vermengt & nichts als das
seit hier auf diesem blauen stern
die liebe brennt
& liebe dreht uns um
daß wir die lange reihe sehen können
oh komm und lösch mich aus mein ich
verschmelzen wir im feuer.
Der Dichter bettet die Sexualität und die Geschlechterpolarität in ein kabbalistisches Muster ein, um sie von der „Gefangenschaft
im ausweglos Materiellen“
23
zu retten. Das Gedicht Rondinara / Korsika Sommer aus dem Kapitel Unio Mystica Erotica ist ein
relevantes Beispiel dafür. Am Anfang erweckt der Text den Eindruck, es handele sich einfach um eine zufällige erotische Begegnung
an einem sonnigen Meeresstrand. Die erste Sequenz des Gedichts arbeitet mit Bildern, die Wollust und Weiblichkeit evozieren
(„gespaltene Früchte“, „nasser Sand“, „schwarze Muschel“, „haariges Geheimnis“) und auch ausdrücklich an ein sexuelles Erlebnis
erinnern, das wiederum mit Plötzlichkeit („Spontanfick“) und der „Sehnsucht nach einer fremden Berührung“ verbunden ist. Es
entsteht ein Bildergeflecht, in dem die kabbalistischen Chiffren schon präsent sind. Die Frucht ist ein stark besetztes Symbol,
das nicht nur für Fruchtbarkeit steht, sondern zugleich auf die vom Ur-Baum getrennte Frucht andeutet, die die Idee der Spaltung
in sich birgt.
Die konkrete Situation, von der das Gedicht seinen Ausgang nimmt, wird auf die biblische Schöpfungsgeschichte bezogen, was eine
Reflexion über den Sündenfall, die Entstehung der zwei Geschlechter und die Kluft zwischen Körper und Geist auslöst. Dieser
ursprünglichen Spaltung steht die Gier entgegen, die im Gedicht unter verschiedenen Erscheinungsformen („Lebensgier“, „Neugier“,
sexuelle Begierde) auftaucht. Vor dem bereits erwähnten esoterischen Hintergrund kann man wohl die Lebensgier auch als Gier
nach Eva interpretieren, deren hebräische Name Chava Leben bedeutet
24.
So wird die Sexualität in den breiteren Rahmen des
spirituellen Strebens nach Ergänzung integriert, das der Mystik nahe steht: „…hier also mystica erotica das ist der Kern
der Welt“.
Die erotische Begegnung als reales Geschehen versinkt in Mehrdeutigkeit, die das Wesen der Allegorie ist. Schlesaks Gedicht
gleicht in dieser Hinsicht dem Weinrebschen Mythoskonzept, das ebenfalls auf der Nahtstelle zwischen dem Vergänglichen und
dem Ewigen erstellt wird. Im Fortgang des Gedichts, vor allem in seiner zweiten Sequenz, wird das sexuelle Motiv zu einem
kosmogonischen und anthropogonischen transformiert. Das bringt die LeserInnen gleichsam zur Erkenntnis Weinrebs, dass das
Wichtigste in der zusätzlichen Bedeutung innewohnt, die von einem bestimmten Objekt oder Ereignis wahrgenommen wird.
Das erotische Erlebnis am Strand findet bezeichnenderweise in der Nacht von Freitag auf den Samstag statt, also auf der
Schwelle zum siebenten Schöpfungstag. Bis zu diesem Zeitpunkt der Schöpfungsgeschichte gab es im paradiesischen Zustand
keinen Tod und auch keine Trennung und keinen Identitätssinn. Der Ur-Mensch, der von den Kabbalisten Adam ha-Rishon
genannt wird, war eine androgyne Riesengestalt, die nicht mit physischen Augen sah, sondern mit einem unendlichen
Bewusstsein ausgestattet war
25.
Damit verbunden ist die Idee, die bereits in der antiken Midrashim-Literatur
vorkommt, dass Adam und Eva gleichzeitig und gleichwertig geschaffen wurden. Diese Auffassung liegt dem Frauenbild
zugrunde, das den ganzen Lyrikband durchzieht:
Die Frau ist nicht die „Rippe“ (Unsinn: Luther!)
nein, sie ist „tsel“ wie es hebräisch heißt
ist Schatten Bild und Seite IST unsre andere Hälfte
sie tritt nicht aus dem Mann sie IST
der Scahtten stößt sich ab die Frau sein Traum und doch
viel wirklicher als er…
Von dieser ontologischen Ebenbürtigkeit von Mann und Frau gehen alle erotischen Gedichte Schlesaks aus und dekonstruieren
damit die patriarchalische Geschlechterhierarchie. Die Tatsache, dass die Frau hier als „Schatten“ bezeichnet wird, heißt
jedoch nicht, dass sie ein ontologisches Derivat des Mannes sei. Das hebräische Wort tselem (Bild, Antlitz), in dem auch
das Wort tsel (Schatten) mitklingt, kommt in der Genesis vor, wo es heißt: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ (1:27, Mose). In der esoterischen Tradition bezieht sich tselem auf den Astralkörper,
den Vermittler zwischen dem physischen Leib und der immateriellen Seele. Im Zohar
26
sowie bei Dante in der Göttlichen
Komödie wird der Astralkörper im Zusammenhang mit dem Schatten erwähnt, was auf das hebräische Wortspiel zwischen tsel
und tselem zurückzuführen ist
27.
Wenn in der mystischen Interpretation der Schatten eines Menschen die Projektion
seines inneren tselem ist, dann könnte man wohl meinen, dass hier die Assoziierung von Frau und Schatten – „…diese
Frau in dir ersetzt die Stelle wo / mein Schatten war der fliegen konnte“ – eigentlich als eine Anspielung auf das
Jungsche Modell von anima und animus zu verstehen ist.
Der Begriff „Erotik“ wird also auf der Dialektik der Spaltung und der brennenden Sehnsucht nach Verschmelzung aufgebaut.
Diese prototypische Spaltung, die sich nicht nur auf die Geschlechterpolarität bezieht, sondern auch die Trennung von
Körper und Geist, göttlich und menschlich, Eigenem und Fremdem mitrepräsentiert, ist ein Grundmotiv im Denken Schlesaks.
Die Unüberwindbarkeit der uranfänglichen Spaltung ist Ursache des Leidens aber im Umkreisen dieses Themas mit Bildern
und Metaphern liegt ein unerschöpfliches kreatives Potential.
Es ist die Trennung in der Welt
die wehtut / und das sind wir
weißt du daß hier in unserer Nacht
wir Eins sind in seinem Widerhall
kennst du die „Gotteszahl“ von der
wir durch die Trennung abgefallen sind
wie eine Frucht von dem verdammten Baum
der alles schön entzweigeschnitten hat?
Die poetische Kraft solcher Meditationen liegt in der mythischen Aufladung der Sprache und dem Vermögen, äußerst konzentriert
ein dichtes Bezugsgeflecht entstehen zu lassen. In der oben zitierten Stelle kann man die Lehre über die Entstehung des Kosmos
aus dem Einen erkennen, die sowohl den Neuplatonikern als auch den Kabbalisten eigen ist, sowie die esoterisch fundierte
Beziehung zwischen Buchstaben und Zahlen und das ganze Paradigma „Spaltung“.
Auch in der erotischen Lyrik bleibt Dieter Schlesak durch seinen Stoff ein Metaphysiker. Sein kosmologisches Weltbild ist der
kabbalistischen Hermeneutik und auch der pythagoreisch-platonischen Tradition der sakralen Mathematik verpflichtet. In seinen
Essays lehnt er ausdrücklich das rationalistische Konzept ab, das „Zahl und Name, technisches Wissen und Gewissen auf tödliche
Weise“
28
voneinander trennt. Für ihn haben die Zahlen eine tiefere Bedeutung jenseits der rationalen Beziehungsgrößen. Die
wechselseitigen Verknüpfungen zwischen Zahlen und Buchstaben und ihre mythisch-metaphysische Signifikanz fangen schon mit der
„Gotteszahl“ an.
Diese „Gotteszahl“ bezieht sich einerseits auf Aleph, den ersten Buchstaben der heiligen Sprache, die unbegrenzte und lautere
Gottheit, d. h. das En Soph oder die ewige Eins, aus der die Welt hervorgeht. Andererseits wird damit das Tetragrammaton JHWH
gemeint, ein Buchstabengeflecht, das in der jüdischen Tradition als verborgener Name Gottes gilt und dessen richtige Aussprache
verlorengegangen sei, weshalb es üblicherweise als ha-Shem (=Name) umschrieben wird
29.
Im Sinne der Gematria
30
spekuliert
Schlesak über Weltordnung, Stellung des Menschen gegenüber der Gottheit und die Rolle der sexuellen Vereinigung zwischen Mann
und Frau.
Jetzt rätsle nur an Seinem Namen: JHWH
so hieß er doch, J ist die Zehn und H die Fünf
und W heißt Mensch ein UND das trennt
die eine Fünf der H von ihrer andern H
was Fenster heißt. Die Zehn (die Eins) zerschnitten
durch uns: in Mann und Frau! Das Ganze aber
samt dem Schmerz der Trennung
die wir doch täglich brennend spüren
und wollen tief ineins zusammen
kommen – ist Niemand /Anders
als der ganze „Gott“!
31
Es ist vielleicht nicht unbegründet, wenn man hier auch eine Andeutung auf eine gnostische Lehre erblickt, die u. a. im Zohar
vertreten wird und die die Spaltung in die Gottheit selbst einschreibt. Die transzendente Eins (oder En Soph) bringt zehn
Sefirot (d. h. Gefässe der göttlichen Kraft) hervor, die unterschiedliche Attribute von JHWH aktualisieren. Die zehn Sefirot
werden hierarchisch dargestellt als eine vertikale Struktur, die die absolute Transzendenz mit der irdischen Welt verbindet.
Überdies wird im Zohar die Emanation der niedrigeren Sefirot aus den höheren als Geburt aufgefasst und das Verhältnis der
Sefirot-Paare in erotischen Bildern anschaulich gemacht. Die niedrigste Sephirah, Malkhut oder Shekhinah genannt, wird als
weiblich betrachtet und steht für die Anwesenheit Gottes auf Erden
32.
Im Zohar wird eine Remythisierung der biblischen
Texte unternommen, indem die zehn Sefirot als Gestalten in den biblischen Geschichten interpretiert werden
33.
So etwa
nach der Episode des Goldenen Kalbs findet eine Selbstspaltung Gottes statt. Infolgedessen wendet sich die männliche Hälfte
der Gottheit voller Wut von den Menschen ab, während die weibliche Hälfte Shekhinah das Volk Israel ins Exil begleitet.
Wichtig für unser Anliegen ist im Falle dieses Mythos vor allem die Idee, dass die Natur der Gottheit ebenso wie die des
Ur-Menschen androgyn ist. Mit dieser Auffassung geht eine gewisse Gleichstellung des männlichen und des weiblichen Prinzips
einher. Zugleich beinhaltet der im Zohar vorkommende Mythos eine Kritik an seiner eigenen gnostischen Quelle. Die Spaltung
Gottes bedeutet also nicht unbedingt, dass die irdische Welt verdammt ist, da der wütende und strafende Gott-Vater nur
eine männliche Persona des JHWH ist.
Dazu kommt noch die Tatsache, dass die Spaltung Gottes der Spaltung in der Darstellung entspricht, und zwar der Kluft
zwischen Zeichen und Gegenstand. Daraus erklärt sich die Vehemenz, mit der Schlesak den Wirklichkeitswahn des Realismus
und die falsche Mimesis bestreitet. In diesem Zusammenhang lesen sich folgende Verse wie eine Erinnerung an die theurgische
Funktion des Liebesaktes:
…wenn ich nachts ins freie renne
seh den eingesperrten baum
bin ichs auch und renn und renne
mir entkomm ich kaum
doch sagst du so fließe
fließe lieber menschenfluß sein mein
arme beine leib und pflanzer sind
ja nicht nur dein
[…]
eingebildet alles feste:
NICHTS als irrer sinn!
komm mein lieber: wir verschmelzen
sind dann fließend endlich wahr.
Das Feste, das durch die erotische Vereinigung überwindbar wird, ist das Handgreifliche und Nur-Sichtbare, die Illusion des
Goldenen Kalbs. Die Sprache der Poesie versucht wiederum dem Fließenden der erotischen Ekstase gleichzukommen und an manchen
Stellen entstehen echte Glossolalien, wie etwa die folgende Passage:
…wie der Ertrunkene
im Lächeln an Kommendes ist er vergeben
fast schon ein Kind im Schrei jetzt des Orgasmus
des Sexuellen Tropfenglanz Zauber warum so großen Blickes dans des cas pareils sperrbeinig fenstersturzläuternd c´est toujours
unbedacht blindlings die gleiche Sache…
Diese Auflösung der Syntax verweist zum einen auf eine Dekonstruktion der klassischen mimetischen Verfahren und zum anderen
auf die semiotische Ausdrucksweise, die Julia Kristeva dem weiblichen Schreiben zuspricht
34.
Ohne an dieser Stelle auf die
Opposition männliches Schreiben – weibliches Schreiben eingehen zu wollen, sei jedoch kurz darauf hingewiesen, dass im von
uns besprochenen Lyrikband Dieter Schlesaks das Schreiben vorwiegend männlich codiert wird
35.
Abgesehen von den semiotischen
Passagen im Sinne Kristevas finden sich darin zahlreiche Formulierungen, die auf eine enge symbolische Verbindung zwischen
dem Schreibinstrument und dem Phallus andeuten. Es seien hier nur einige Beispiele gegeben:
„…jetzt fließt mein Same zu dir / hier auf dem weißen Papier erigiert der Finger wie das Glied…“; „Abwesend hier /
doch mitten drin / ein Liebes Buchstab ja, mein Baum / oh der Zaddik mit seinem Phallus / das vögelnde Gebet…“ oder
„Erlöst mit uns / geöffnet seine weiche Schrift / mein Griffel ist der Menschenstab / und schreib und schreib damit /
in deinen nackten Leib jetzt tief hinein.“ (Hervorhebungen: M.I.)
Trotzdem lässt sich die Lyrik Schlesaks kaum einem ideologischen Hintergrund zuordnen. Durch seinen Bezug zum Mythos grenzt
Schlesak sich grundlegend von jeder Ideologie ab. Da Mythos sich wie Religion auf ein Numinoses gründet, hat er seinen
Bezugspunkt außerhalb des geschlossenen geistesgeschichtlichen Systems und unterscheidet sich dadurch von der Ideologie,
die ein innerweltliches System mit Allgemeingültigkeitsanspruch darstellt. Zum Mythos kommt noch das numinose Zeichen als
Bestätigung hinzu, dass sich das Gesamtsystem nicht nur aus Elementen dieser Welt zusammensetzt. In diesem Rahmen lassen
sich auch die erotischen Gedichte Schlesaks am besten interpretieren, die ebenso wie die Liebe selbst als theurgische Akte
aufgefasst werden und denen die Macht zugesprochen wird, wenigstens vorübergehend die Wunde in der Schöpfung heilen zu können.
AUGUSTINUS, Aurelius: Vom Gottesstaat (De civitate Dei). Aus dem Lateinischen von Wilhelm THIMME. München 1978 .
BURDORF, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart – Weimar 1997 .
CIXOUS, Hélène: The Laugh of the Medusa. Aus dem Französischen Leith und Paula Cohen, in: HERNDEL, Diane Price und WARHOL,
Robyn R. (Hgg.): Feminisms: An Anthology of Literary Theory and Criticism. New Brunswick, New Jersey. Rutgers UP. 1991,
S. 334 – 349.
COOPER, David: God is a Verb: Kabbalah and the Practice of Mystical Judaism. Riverhead Books 1997 .
DERRIDA, Jaques: Les yeux de la langue. Magazine littéraire (April 2004), S. 42 – 45 .
DRAGHINCESCU, Rodica: Interview mit dem Schriftsteller Dieter Schlesak,
Link
HABERMAS, Jürgen: Glaube, Wissen – Öffnung. Zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Eine Dankrede. Süddeutsche Zeitung
(15. 10. 2001), S. 10 – 12 .
HASSAN, Ihab: The Postmodern Turn. Essays in Postmodern Theory and Culture, Ohio State University Press, 1987 .
IDEL, Moshe: Cabala şi interpretare. Aus dem Englischen von Horia Popescu. Polirom Iaşi 2004 .
IRIGARAY, Luce: Das Geschlecht, das nicht eins ist. Aus dem Französischen von Eva Mayer et. al. Berlin: Merve 1979 .
KRISTEVA, Julia: Desire in Language. A Semiotic Approach to Literature and Art. Aus dem Französischen von Thomas GORZ,
Alice JARDIN, Leon S. ROUDIEZ. New York Columbia University Press 1980 .
PĂTRUŞ, Iulia: Paul Celan und die Momente der Gewalt. Eine Analyse repräsentierter Machtverhältnisse in den Bereichen
Ethnizität, Geschlecht und Religion in einem ausgewählten Gedicht. Transcarpathica (2/ 2003), S. 238-254 .
QUANTE, Georg: Dieter Schlesak. Physik und Gott.
Link
RIFFARD, Pierre: Dicţionarul esoterismului. Aus dem Französischen von Doina und Gheorghe Pienescu. Nemira Bucuresti 1998 .
SCHLESAK, Dieter: Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens. Benziger Verlag Zürich 1986 .
Ders.: Über Sprachskepsis, Bildverbot und den Begriff Zeit. In: So nah, so fremd, AKG Verlag Dinklage 1995, S. 340 – 359 .
Ders.: Fragmente zu einer posthumen Poetik. In: Tunneleffekt, Gedichte mit einem Essay. Edition Galrev, Berlin 2000, S. 212 – 245 .
Ders.: LippeLust. Poesia erotica. Lyrikedition 2000, Book on Demand Verlag München 2000 .
SCHOLEM, Gershom: Despre chipul mistic al divinitĂţii. Aus dem Deutschen von Viorica NIŞCOV. Ed. Hasefer, Bucureşti 2001 .
WEINREB, Friedrich: Die Symbolik der Bibelsprache.
Link
1
Im diesem Beitrag wird aus der Internetversion zitiert:
Link
2
Rodica DRAGHINCESCU: Interview mit dem Schriftsteller Dieter Schlesak,
Link
3
Dieter SCHLESAK: "Fragmente zu einer posthumen Poetik". In: Tunneleffekt, Gedichte mit einem Essay. Edition Galrev,
Berlin 2000, S. 226.
4
Jürgen HABERMAS: Glaube, Wissen – Öffnung. Zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Eine Dankrede.
In: Süddeutsche Zeitung vom Montag, 15. 10. 2001
5
Um die Konfusion mit der Ästhetik der Postmoderne zu meiden, so wie sie etwa von Ihab HASSAN theoretisch
formuliert wurde (Ihab HASSAN: The Postmodern Turn. Essays in Postmodern Theory and Culture, Ohio State
University Press, 1987), verwende ich hier den neutralen Terminus „nachmodern”.
6
Dieter SCHLESAK: Über Sprachskepsis, Bildverbot und den Begriff Zeit. In: So nah, so fremd, AKG Verlag
Dinklage 1995, S. 341.
7
Ebd.
8
Aus HÖLDERLINs Anmerkungen zur Antigonä; zit. von Dieter SCHLESAK im Motto seines Romans Vaterlandstage
und die Kunst des Verschwindens, Benziger Verlag Zürich, 1986.
9
Dieser Begriff stammt vom jüdischen Denker Friedrich WEINREB, dem Dieter SCHLESAKs Weltanschauung sehr viel verdankt.
Darunter versteht WEINREB eine tiefere Einsicht, die eine metaphysische Bedeutung jedes sinnlich wahrnehmbaren Objektes
voraussetzt. Auf WEINREBs Gedanken und ihre Signifikanz für die Poetik von Dieter SCHLESAK wird weiter unten eingegangen.
10
Wie etwa im o.g. Essay Über Sprachskepsis, Bildverbot und den Begriff Zeit. Wie viele andere zeitgenössische Autoren
ist Dieter SCHLESAK sowohl Dichter als auch Theoretiker und daher dürfen seine poetologischen Äußerungen nicht außer Acht
gelassen werden.
11
Die Zwischenschaft. Ansprache anlässlich der Verleihung des Dr. honoris causa der Universität Bukarest am 7. November
2005: Zeitschrift der Germanisten Rumäniens | Heft 26 | ...siehe
Link
12
Vgl. Moshe IDEL: Perfecţiuni care absorb. Cabala şi interpretare [Kabbala und Interpretation]. Aus dem Englischen von
Horia POPESCU. Polirom Iaşi 2004, S. 33.
13
S. Anm. 11.
14
Vgl. Georg QUANTE: Dieter Schlesak. Physik und Gott.
Link
15
Zum Thema „lyrisches Ich” bzw. Textsubjekt vergleiche Dieter BURDORF: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart –
Weimar 1997, S. 194 – 200.
16
Dieter SCHLESAK: „Fragmente zu einer posthumen Poetik”. (S. Anm. 3).
17
Die Assoziation „jüdisch”-„weiblich” wird von Iulia PĂTRUŞ suggeriert in ihrem Aufsatz „Paul Celan und die Momente
der Gewalt. Eine Analyse repräsentierter Machtverhältnisse in den Bereichen Ethnizität, Geschlecht und Religion in
einem ausgewählten Gedicht“. In: Transcarpathica. 2/ 2003, S. 238-254.
18
„La langue sacrée est une abîme.“ Vergleiche DERRIDAs Kommentar zu einem Brief von Gershom SCHOLEM an Franz ROSENZWEIG,
vom 12. Dezember 1926. (Jacques DERRIDA: „Les yeux de la langue“. In : Magazine littéraire. April 2004, S. 42-45).
19
Vgl. Pierre RIFFARD: Dicţionarul esoterismului [Lexikon der Esoterik]. Aus dem Französischen von Doina und Gheorghe
PIENESCU. Nemira Bucureşti 1998, S. 12.
20
Heilige Hochzeit, in der die Einheit aller göttlichen Kräfte mittels der Vereinigung zwischen dem männlichen und dem
weiblichen Prinzip verwirklicht wird.
21
Aurelius AUGUSTINUS: Vom Gottesstaat (De civitate Dei). Aus dem Lateinischen von Wilhelm THIMME. München 1978, Buch
14, Kap. 26.
22
Dieter SCHLESAK: „Fragmente zu einer posthumen Poetik”. (S. Anm. 3).
23
Dieter SCHLESAK: Über Sprachskepsis, Bildverbot und den Begriff Zeit (S. Anm. 6), S. 353.
24
Vgl. Rabbi David COOPER: God is a Verb: Kabbalah and the Practice of Mystical Judaism. Riverhead Books 1997, S. 57.
25
Vgl. Ebd., S. 54.
26
Ein vermutlich im 2. Jahrhundert n. Chr. entstandener mystischer Kommentar der Tora.
27
Vgl. Gershom SCHOLEM: Despre chipul mistic al divinităţii [Von der mystischen Gestalt der Gottheit ].
Aus dem Deutschen von Viorica NIŞCOV. Ed. Hasefer, BucureŞti 2001, S. 231 f.
28
Dieter SCHLESAK: Über Sprachskepsis, Bildverbot und den Begriff Zeit (S. Anm. 6), S. 349.
29
Vgl. Moshe IDEL: Cabala şi interpretare [Kabbala und Interpretation]. Aus dem Englischen von Horia POPESCU.
Polirom Iaşi 2004, S. 289 f.
30
Kabbalistische Auslegungsmethode, die jedem Buchstaben einen Zahlenwert zuschreibt, auf Grund dessen im Text
neue semantische Relationen entdeckt werden.
31
Vgl. dazu SCHLESAKs Erklärungen in seinem Essay Über Sprachskepsis, Bildverbot und den Begriff Zeit (S. Anm. 6),
S. 351: “…eigentlich ist der verborgene NAME Gottes in diesem Buchstabengeflecht [JHWH, Anmerkung: M.I.] enthalten.
Er ist die unaussprechliche Eins, der erste Buchstabe Aleph. Aleph besteht aus zwei Jod (Zahlenwert 10) und einem
Waw (Zahlenwert 6) und ergibt 26. 26 aber ist der Zahlenwert des Gottesnamens JHWH (Jod: 10; He: 5; Waw: 6; He:5).
Die erste Hälfte (10, Potenz von 1) steht der zweiten gegenüber (5 UND 5, den Waw, der Haken heißt auch UND und ist
das Zeichen des Menschen); der Mensch hat also durch seinen Fall, geteilt in Männlich und Weiblich, Gott verstümmelt
und halbiert.”.
32
Die Weiblichkeit der Shekhinah ist allerdings eine post-talmudische Erscheinung. Im Talmud ist die Anwesenheit
Gottes unter den Menschen ein abstrakter und neutraler Begriff.
33
Vgl. Moshe IDEL: Cabala şi interpretare [Kabbalah und Interpretation]. Aus dem Englischen von Horia Popescu.
Polirom Iaşi 2004, S. 329 – 335.
34
Julia KRISTEVA: Desire in Language. A Semiotic Approach to Literature and Art. Aus dem Französischen von Thomas
GORZ, Alice JARDIN, Leon S. ROUDIEZ. New York Columbia University Press 1980, S. 135.
35
Diese Bewertung erfolgt aus der Perspektive der feministischen Kritik, so wie sie etwa von Hélène CIXOUS in
Das Lachen der Medusa und Luce IRIGARAY in Das Geschlecht, das nicht eins ist vertreten wird.