Erstausgabe: Erschienen bei Buch & Medi@,
München, 2006 , ISBN
Über dieses Buch: Jeder Versuch einer Zuordnung scheitert als Ettikettenschwindel, ist ebenso irreführend wie die Versuchung, das große barocke Thema Tod und Eros auf den Ausschnitt einer ›poesia erotica‹ zu begrenzen, schreibt Wolf Peter Schnetz im Magazin lichtung über diese Liebesgedichte.
Beides ist bei Schlesak gegenwärtig: Höchste Lust und Todesnähe, schmerzliches Entzücken in Liebeshass und Todeslust, wenn Tod, Liebe, Leben, Licht und Schatten zur "unio mystica" verschmelzen.
Bist du der Weg und der Flug der ihn nimmt?
Weißt du
Liebe ist Leben für immer
Du es brennt dieses ewige Licht HIER
Wenn die gestohlene Zukunft
Als Sein wiederkehrt
Für dich mein Herz du geöffnetes Lid
Zum neu entdeckten sich häutenden
Land hier
Nah unter der warmen Haut.
... alle Nuancen der Liebe zwischen Willkommen und Abschied, Lust und Verzweiflung an der Liebe
machen Sog und Reiz der erotischen Gedichte Schlesaks aus. Es ist von daher aber eher weniger die
Lippe-Lust-Tendenz als wiederum das Umspielen und Verschweigen, was immer noch ein gutes (erotisches)
Liebesgedicht auszeichnet.
(Hans-Jürgen Schmitt, Süddeutsche Zeitung)
Dieter Schlesaks Dichtung ruht im Elegischen. Im Band "Herbst Zeit
Lose. Liebesgedichte", in dem diese Verse stehen, mischt sich noch in
den Taumel des Sinnlichen und den Jubel der Sprache ein Zug von Trauer;
über alle Himmel Schlesaks zieht eine Wolke. Der 1934 im rumänischen
Transsylvanien als Angehöriger der deutschen Minderheit geborene
Lyriker, Romanautor und Essayist, nach seinem Studium in Bukarest
Redakteur der Zeitschrift "Neue Literatur", kam 1969 in die
Bundesrepublik und lebt seit 1973 in der Toskana und in Stuttgart. Seine
bedeutendste Übersetzung rumänischer Dichtung ist sicherlich die
Übertragung der "Elf Elegien" von Nichita Stanescu, dem Dichter der
inneren Emigration zur Zeit der Diktatur Ceauçescus (Neudruck 2005). In
der italienischen und rumänischen Literaturkritik gilt Schlesak als
einer der wichtigen Vertreter moderner deutscher Lyrik; ein Band von
siebzig Gedichten mit Übersetzungen ist kürzlich in Pisa erschienen.
Jenseits der Alpen hat Schlesak ein Echo gefunden, das man ihm auch in
Deutschland wünscht.
Mit seinem Band "Herbst Zeit Lose. Liebesgedichte" schließt sich
Schlesak an die Tradition einer Liebeslyrik an, die man heute leicht in
den Verdacht der prickelnden Oberflächlichkeit bringen kann, wenn man
sie erotische Lyrik nennt - einer Lyrik, mit der wir Namen wie Catull
und Horaz verbinden, die Liebesgenuß und -erfüllung preist. Sie begegnet
uns auch in Goethes "Römischen Elegien", deren Titel in einer
Handschrift noch "Erotica Romana" lautet. Zumal Schlesaks Gedichte im
Abschnitt "Komm, schlaf jetzt mit mir" zieren sich nicht, beschreiben
Liebe als "Vulkan" in "Flammen". Aber fast immer geht aus dem Aufruhr
der Sinne das Besinnen hervor. Ein an barocke Vergänglichkeitsklagen
erinnernder Ton ist Signal: das Begehren nach dem Augenblicksbegehren
verstummt; wahre Liebe will Ewigkeit. "Doch die Liebe ist Leben für
immer", heißt der Sammeltitel für eine der Gedichtreihen.
Im Gedicht "Meine Liebste laß uns gehen" ist nach der Zeit der wilden
Vereinigungen nun die Zeit des Abschieds gekommen. Die über die Augen
gelegten Hände deuten an, daß sich der Vorhang vor der Welt der
sinnlichen Wahrnehmungen schließt. Aber noch einmal bringt sich
Erotisches in Erinnerung, das weibliche Geschlecht, als poetisches Bild
für Geburt und Zeugung. Was den Augen mangelt, kann das Herz bewahren -
Herz verstanden als Inbegriff für jenes Unbeschreibbare, das mit der
Seele, dem ebenfalls unbeschreibbaren Spirituellen, verschwistert ist.
Unendliche Traurigkeit durchdringt die vierte Strophe. Trennung der
Liebenden und Einsamkeit des einzelnen werden unwiderruflich, und nicht
zufällig wählt Schlesak in der Zeile "doch gehen ja gehen" eine die
Gemütssaite berührende Wiederholungsform des Volkslieds. Noch gewähren
die Erde des Grabes und "die Seele im Flug" eine "Umarmung". Aber bleibt
auch das poetische Bild des offenen Himmels in Kraft, so besiegelt doch
der Schlußvers eine Endgültigkeit: "Denn alles fällt ab was wir waren."
Es gibt im Band auch Gedichte von geringerer Direktheit, Beispiele wie
in der Strophe: "Denn was dann nicht mehr ist / und war / die Erde, jede
Zelle / Atome dieser Hand die wir so warm berühren werden! / Du meine
und ich deine Hand / Sind ihre Elemente. Sie drehn sich rasend schnell /
wie Glücksgefühle / und duften weiter." Von "Verjüngung" wird
gesprochen. Die Abschiedselegie "Meine Liebste laß uns gehen" ist von
herber Trauer. Hingenommen wird das Bedingte unserer Existenz mit einer
Kraft der melancholischen Gefaßtheit, zu der wohl nur eine Liebe
verhelfen kann, die ihrer Unverlierbarkeit gewiß ist. Dieses
Liebesgedicht schön zu nennen wäre zu wenig; es macht dem Gefälligen
keine Zugeständnisse, ist aber nicht fatalistisch, es ist bewegend, doch
nicht erweichend, die poetischen Bilder leiten uns unaufdringlich, aber
unausweichlich zur Frage nach unserer Endlichkeit, kurz, dies ist ein
großes Gedicht.
(Walter Hinck, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Dezember 2006)