Die zweite elegie. getica
für Vasile Pârvan
In jedes astloch setzte man einen gott.
Wenn ein stein zersprang wurde geschwind ein gott gebracht.
Wenn eine brücke brach
vertrat ein gott den leeren übergang
Wenn auf der straße gruben entstanden
brachte man schnell einen gott um ihn auf die straße
zu setzen.
Schneide dich nicht in den finger oder in den fuß
nicht absichtlich und nicht aus versehen!
Sie werden dir die wunde mit einem gott verbinden
daß an jeder stelle
ein gott sei von ihnen eingesetzt
daß zwang sei sich ihm zu beugen ihm
dem verteidiger aller dinge die innen sich von sich
selber scheiden.
Hüte dich verliere dein auge nicht
gleich werden sie dir die augenhöhle
mit einem gott vermauern
der nun als steinbild in den höhlen aufsteht.
Wir aber müssen die seelen kreisend
aus dem lob bewegen.
auch du wirst ihn wie fremde
in alle deine hymnen tragen und deine seele
versetzen.
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Erst mit dem beginnenden Tauwetter 1960/61, und vor allem nach 1965, als Ceausescu, aus Machtkalkül,
das Land liberalisierte und in der Literatur Stilvielfalt zuließ, die eigene (bisher verbotenen
literarische Tradition der Zwischenkriegszeit und die Dichtung des Westens wieder gelesen werden
durfte, entstand die neue rumänische (und auch die rumäniendeutsche) Nachkriegsdichtung. Die Moderne
wurde zuerst nur nachgebetet. Dann aber entstand aus Moderne und Autochthonem, Einflüssen der eigenen
Avantgarde im spannungsgeladenen "Versteckspiel mit der Metapher" der eigene Stil der Generation ´60.
Vor allem der alle überragende Nichita Stãnescu (1933-1983) und seine Metasprache machten Schule.
Nichita Stãnescu, Cezar Baltag (1938-1997), Marin Sorescu (1936-1997) und Ilie Constantin (*1939), dann
Ana Blandiana. Dazu kam etwas später die sogenannte "Oneiriker"-Gruppe um D. Tsepeneag (*1937), Mircea
Dinescu (*1950) wurde von ihnen seltsamerweise nicht in den engsten Kreis aufgenommen.
Diese "Waisenkinder
des Klassenkampfes" erarbeiteten unter Druck eine subtile, sprachgeschärfte, äußerst spannungsgeladene
Poetik: Innerlichkeit war ein Politikum sondergleichen, war das Unkontrollierbare, Verbotene, das Ganz
andere auf der Flucht vor der ekelhaften Losungswirklichkeit. So ist etwa bei Nichita Stãnescu das Gedicht
ein Weltinnenraum, diesseits der sinnlichen Wirklichkeit. Zwischen den Zeilen wird nicht selten
Verbotenes mittransportiert. Poesie hatte damals sehr hohe Auflagen. Doch nicht das Politische war
ausschlaggebend, sondern eine transzendierende Bewegung in der Sprache: Das lyrische Ich (und das
Autoren-Ich) gehen in Richtung eines offenen Horizontes. Es ist ein metasprachlicher Raum, bei dem
die Grenze zum Numinosen offen steht: "Es kommt der Abwesende/ leer von drüben/ und noch viel weiter als
von drüben/ kommt er." Aus: 11 elegien.) Ein Innenraum, wo auch die Toten (ähnlich wie bei Rilke oder Celan)
ansprechbar werden. ("In mir, schau her, sind alle meine Toten/ erwacht/ und alle Toten meiner Toten/ und
alle Freunde und Verwandten/ der Toten meiner Toten." (Kosmogonie oder Wiegenlied. Übertragen von A.
Latzina.)
Die neuen Formen und die so nuancenreiche lyrische Sprache waren Destillate unter großem Druck, Sprach-
Innenräume als letzte Zuflucht des Geistes, ethische Arbeit durch Poesie. Für Stãnescu aber wurde vor allem -
wie später für die Generation der achtziger Jahre - alles zur Poesie, die Wand zwischen Innen und Außen fiel,
das "Wesen" wurde im "Kern" sichtbar, auch wenn es nur ein Wortwesen war, es umkreiste "gefühlte" Essenz.
Allerdings war´s auch eine Entlarvungs-Aktion; der verhüllende Schleier der Worte wurde von den so gebrannten
Kindern der Diktatur (überfüttert mit Ideologie-Parolen) als Trug gesichtet, und so mußten "Nichtworte"
(necuvinte) gefunden werden, um jene "gefühlte" Essenz und damit sich selbst auszudrücken. Schon damals also,
inmitten einer subtilen, sehr bewußten Wort-Forschung
, kam das, was heute "postmodern" genannt wird,
angereichert und leidvoll ins Blickfeld der Schreibenden.
Am intensivsten hatte sich der bedeutendste rumänische Lyriker der Nachkriegszeit, Nichita Stãnescu, auf die
Suche nach einer neuen Ontologie und Poetik begeben; vor allem in den 11 Elegien, die er die ganze stalinoide
Diktatur über in sich trug, und die er erst 1966 wie in einem Rausch in zwei Tagen und Nächten niederschrieb,
ist auf grossen Umwegen die Erfahrung und der von der Diktatur ausgelöste Zustand wie in keiner andern Dichtung
Europas sublimiert worden. Stãnescu, ist das aus der roten Diktatur geborene rumänische Pendent seines
Landsmannes Celan, der das Trauma der braunen Diktatur und die durch sie entstandene Bodenlosigkeit, den Abgrund
auch in der deutschen Sprache in die bedeutendste Dichtung nach 1945 verwandelt hat. Nichita hat unter den
Bedingungen des roten Diktaturtraumas ebenfalls ein für die europäische Kultur, und das gerade heute in Zeiten
der europäischen Vereinigung: bedeutendes Werk geschaffen, er wird in Rumänien als zweiter Nationaldichter,
nach Mihai Eminescu, angesehen. Und vielleicht hat er uns, der in der Welt immer noch Unbekannte - und ich
empfinde dieses als ein grosses Versäumnis - die gültigste lyrische Dichtung aus den Abgründen der roten
Totenwelt hinterlassen.
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Ulrich van Loyen, Nichita Stanescu: Elf Elegien.
In: Spiegelungen, Heft 2,1(55) Jahrgang 2006 München S.87-88.