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Nichita Stanescu: Elf Elegien
Nachdichtung von Dieter Schlesak
Mit einem Nachwort: "Metapoesie der roten Zeit"



Erstausgabe: Erschienen bei Literaturverlag Bukarest
Bukarest, 1968, Ausgabe vergriffen

Neuausgabe: Erschienen bei POP Verlag
Ludwigsburg, 2005, ISBN 3-93-713906-0

Über dieses Buch: Nichita Stãnescu (1933-1983) war 1980 in der engeren Wahl für den Nobelpreis. Er ist einer der bedeutendsten rumänischen Dichter der Nachkriegszeit, der einen eigenen Ton in die europäische Lyrik der Gegenwart einbringt, doch blieb er im Vergleich zu seiner Bedeutung auch für die Weltlyrik als Dichter einer kleinen Sprache fast unbekannt. Stãnescu ist als Dichter in finsterer Zeit der roten Diktatur ein Pendant zu seinem Landsmann Paul Celan; Celan sublimierte das Trauma der Nazizeit zur abgründigen Metapoesie, Stãnescu das Trauma der Stalinzeit. (POP-Verlag)





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Leseproben:




Die zweite elegie. getica
                      für Vasile Pârvan

In jedes astloch setzte man einen gott.
Wenn ein stein zersprang wurde geschwind ein gott gebracht.

Wenn eine brücke brach
vertrat ein gott den leeren übergang

Wenn auf der straße gruben entstanden
brachte man schnell einen gott um ihn auf die straße
zu setzen.

Schneide dich nicht in den finger oder in den fuß
nicht absichtlich und nicht aus versehen!

Sie werden dir die wunde mit einem gott verbinden

daß an jeder stelle
ein gott sei von ihnen eingesetzt
daß zwang sei sich ihm zu beugen ihm
dem verteidiger aller dinge die innen sich von sich
                                     selber scheiden.

Hüte dich verliere dein auge nicht
gleich werden sie dir die augenhöhle
mit einem gott vermauern
der nun als steinbild in den höhlen aufsteht.
Wir aber müssen die seelen kreisend
aus dem lob bewegen.
auch du wirst ihn wie fremde
in alle deine hymnen tragen und deine seele
                                                               versetzen.


Aus dem Nachwort:

METAPOESIE DER ROTEN ZEIT
Umkehr des Totalitären zum Einen
Erst mit dem beginnenden Tauwetter 1960/61, und vor allem nach 1965, als Ceausescu, aus Machtkalkül, das Land liberalisierte und in der Literatur Stilvielfalt zuließ, die eigene (bisher verbotenen literarische Tradition der Zwischenkriegszeit und die Dichtung des Westens wieder gelesen werden durfte, entstand die neue rumänische (und auch die rumäniendeutsche) Nachkriegsdichtung. Die Moderne wurde zuerst nur nachgebetet. Dann aber entstand aus Moderne und Autochthonem, Einflüssen der eigenen Avantgarde im spannungsgeladenen "Versteckspiel mit der Metapher" der eigene Stil der Generation ´60. Vor allem der alle überragende Nichita Stãnescu (1933-1983) und seine Metasprache machten Schule. Nichita Stãnescu, Cezar Baltag (1938-1997), Marin Sorescu (1936-1997) und Ilie Constantin (*1939), dann Ana Blandiana. Dazu kam etwas später die sogenannte "Oneiriker"-Gruppe um D. Tsepeneag (*1937), Mircea Dinescu (*1950) wurde von ihnen seltsamerweise nicht in den engsten Kreis aufgenommen.

Diese "Waisenkinder des Klassenkampfes" erarbeiteten unter Druck eine subtile, sprachgeschärfte, äußerst spannungsgeladene Poetik: Innerlichkeit war ein Politikum sondergleichen, war das Unkontrollierbare, Verbotene, das Ganz andere auf der Flucht vor der ekelhaften Losungswirklichkeit. So ist etwa bei Nichita Stãnescu das Gedicht ein Weltinnenraum, diesseits der sinnlichen Wirklichkeit. Zwischen den Zeilen wird nicht selten Verbotenes mittransportiert. Poesie hatte damals sehr hohe Auflagen. Doch nicht das Politische war ausschlaggebend, sondern eine transzendierende Bewegung in der Sprache: Das lyrische Ich (und das Autoren-Ich) gehen in Richtung eines offenen Horizontes. Es ist ein metasprachlicher Raum, bei dem die Grenze zum Numinosen offen steht: "Es kommt der Abwesende/ leer von drüben/ und noch viel weiter als von drüben/ kommt er." Aus: 11 elegien.) Ein Innenraum, wo auch die Toten (ähnlich wie bei Rilke oder Celan) ansprechbar werden. ("In mir, schau her, sind alle meine Toten/ erwacht/ und alle Toten meiner Toten/ und alle Freunde und Verwandten/ der Toten meiner Toten." (Kosmogonie oder Wiegenlied. Übertragen von A. Latzina.) [1]

Die neuen Formen und die so nuancenreiche lyrische Sprache waren Destillate unter großem Druck, Sprach- Innenräume als letzte Zuflucht des Geistes, ethische Arbeit durch Poesie. Für Stãnescu aber wurde vor allem - wie später für die Generation der achtziger Jahre - alles zur Poesie, die Wand zwischen Innen und Außen fiel, das "Wesen" wurde im "Kern" sichtbar, auch wenn es nur ein Wortwesen war, es umkreiste "gefühlte" Essenz. Allerdings war´s auch eine Entlarvungs-Aktion; der verhüllende Schleier der Worte wurde von den so gebrannten Kindern der Diktatur (überfüttert mit Ideologie-Parolen) als Trug gesichtet, und so mußten "Nichtworte" (necuvinte) gefunden werden, um jene "gefühlte" Essenz und damit sich selbst auszudrücken. Schon damals also, inmitten einer subtilen, sehr bewußten Wort-Forschung [2] , kam das, was heute "postmodern" genannt wird, angereichert und leidvoll ins Blickfeld der Schreibenden.

Am intensivsten hatte sich der bedeutendste rumänische Lyriker der Nachkriegszeit, Nichita Stãnescu, auf die Suche nach einer neuen Ontologie und Poetik begeben; vor allem in den 11 Elegien, die er die ganze stalinoide Diktatur über in sich trug, und die er erst 1966 wie in einem Rausch in zwei Tagen und Nächten niederschrieb, ist auf grossen Umwegen die Erfahrung und der von der Diktatur ausgelöste Zustand wie in keiner andern Dichtung Europas sublimiert worden. Stãnescu, ist das aus der roten Diktatur geborene rumänische Pendent seines Landsmannes Celan, der das Trauma der braunen Diktatur und die durch sie entstandene Bodenlosigkeit, den Abgrund auch in der deutschen Sprache in die bedeutendste Dichtung nach 1945 verwandelt hat. Nichita hat unter den Bedingungen des roten Diktaturtraumas ebenfalls ein für die europäische Kultur, und das gerade heute in Zeiten der europäischen Vereinigung: bedeutendes Werk geschaffen, er wird in Rumänien als zweiter Nationaldichter, nach Mihai Eminescu, angesehen. Und vielleicht hat er uns, der in der Welt immer noch Unbekannte - und ich empfinde dieses als ein grosses Versäumnis - die gültigste lyrische Dichtung aus den Abgründen der roten Totenwelt hinterlassen.


    [1] In: Gefährliche Serpentinen. Rumänische Lyrik der Gegenwart, Berlin 1997.

    [2] Vgl. auch "Visa. Ost West Lektionen", S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main,
        1970, S. 35 (Gefängnis im Kopf) und S. 42/47 (Wortfetischismus, Erzwungene Monologe)




STIMMEN DER KRITIK:



Ulrich van Loyen, Nichita Stanescu: Elf Elegien.
In: Spiegelungen, Heft 2,1(55) Jahrgang 2006 München S.87-88.




LESUNGEN:

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