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Erstausgabe: Erscheint im Dietz Verlag, Bonn, 2006, ISBN 3-80120369-7-3 Über dieses Buch: Viktor Capesius war Apotheker in Schäßburg und Vertreter der Firma Bayer, bevor er als SS-Offizier nach Auschwitz kam. Als eines Tages ein Trans- port mit Juden aus seiner siebenbürgischen Heimat eintraf, standen sich plötzlich Täter und Opfer, seit Jahren bekannt, an der Ram- pe des Lagers gegenüber. Capesius schickte sie kaltblütig ins Gas und bereicherte sich an ihrer Habe. Dieter Schlesak schrieb diese wahre Ge- schichte auf als komplexe Kollage aus Do- kumentation, Rückblende und Erzählung: ein historisches Werk, das sich literarischer Mittel bedient, von enormer sprachlicher Kraft und Authentizität, ein erschütterndes zeitge- schichtliches Zeugnis. (Verlagsmitteilung, Quelle: Dietz Verlag) |
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Die amerikanische Ausgabe wird beim großen Verlag FSG in New York (24 Nobelpreisträger) vorbereitet. In London erscheint
er bei Faber, in Mailand bei Garzanti. Es geht rund: von Barcelona, Amsterdam. Paris, Stockholm bis St. Petersburg,
Jerusalem und Kopenhagen werden Ausgaben vorbereitet. Schon erschienen ist das Buch in Bukarest und Budapest, im Juni
folgen Krakau, im September Mailand. Hier der begeisterte Brief des New Yorkers Verlegers:
Dear Dr. Schlesak,
I wanted to introduce myself. I am the publisher of Farrar, Straus & Giroux in New York. We are very excited about
your book CAPESIUS and very much looking forward to publishing it here in the U.S. and finding an outstanding British
partner to do it there. Thank you for entrusting us with this responsibility.
We have asked the man who wrote a very moving report about the German edition to prepare a sample translation and I hope
this will lead to his translating the book for us. I think that the right title in Enlgish would be THE DRUGGIST OF
AUSCHWITZ.
It is a work of great intensity and gravity and I’m sure it will have an important part in the literature of the
Holocaust.
Could you please send me your address and phone number etc so that we have it for preparing our contract, etc.
All good wishes and welcome to FSG.
Cordially,
Jonathan Galassi
Farrar, Straus and Giroux
„… denn Gott ist ja seit Auschwitz ausgezogen aus dem Bereich menschlicher Erfahrung. Und eine Wiederkehr müsste aus dem Todesidiom selbst kommen … Doch angesichts der Gaskammer gilt kein Glaubens- und Trostspruch mehr, geschweige denn Literatur.“ (S. 208)
Einen Dokumentarroman über die Todesmaschinerie der deutschen Nationalsozialisten mit einer fiktionalen Person als Erzähler auszustatten, erweist sich als ein gewagtes poetologisches Verfahren, das der Autor gleich zu Beginn der Erzählhandlung mit einem hohen Aufwand an Glaubwürdigkeit seinem Leser gegenüber vertritt. Adam, der letzte Jude von Schäßburg, habe alles gesehen, er wisse etwas, was wir nicht wüssten, und nie wissen werden.
Doch er habe überlebt, also wisse er auch nicht, was die Toten wissen. Und als Überlebender habe er Schuldgefühle, doch Schreiben habe ihm überleben geholfen, er habe „dort“ geschrieben, deutsch habe er geschrieben. Um Adam gehe es, der „DORT gewesen war, zum ‚Sonderkommando’ der Krematorien gehört hatte, es geht um einen Menschen, der das, was wir nicht begreifen können, in sich trägt“. (S. 7)
Dieses ungeheuerliche, mit dem Todesidiom versehene empirische Potential will der Autor für seine Leser auf unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen „erfahrbar“ machen. Adam gäbe es WIRKLICH: „ich konnte ihm in die Augen sehen, ihn anfassen, mit ihm essen, spazieren gehen, reden, sein Schweigen, sein Versinken, sein immer wieder Abwesensein in der gleichen Lebenssekunde erleben …“ (S. 7)
In diese Projektionsfigur versetzt sich der Autor, stattet sie mit seinem umfassenden dokumentarischen Wissen über die Vernichtungsfabrik aus, verleiht ihr sogar die Fähigkeit, in einem Ansatz von perspektivischer Verfremdung, in die Psyche von SS-Männern zu schauen, die die „schwere Mordarbeit“ in der „kaum erträglichen Hitze“ leisteten.
Eine weitere Verdichtung der Dokumentationscollage erreicht Dieter Schlesak durch die Einbeziehung von Aussagen der wichtigsten Zeuginnen und Zeugen der Anklage im Frankfurter Auschwitz-Prozess 1964/65, die sich vor allem über die Tätigkeit des Auschwitzapothekers Victor Capesius in den Jahren 1943 bis 1945 äußerten.
Es sind Augen-Zeuginnen wie die aus Schäßburg stammende Kinderärztin Gisela Böhm, die in der Häftlingsapotheke in Auschwitz tätige Ella Salomon, der in der SS-Apotheke des Lagers beschäftigte Drogist Jan Sikorski und zahlreiche andere ehemalige Häftlinge, deren Aussagen den Überlieferungsgehalt und Wahrheitsanspruch des fiktiven Erzählers Adam im Laufe der dokumentarischen Handlung verstärken.
Doch die langjährige und langwierige Trauerarbeit des Autors bei der Rekonstruktion der Person des Todesgehilfen Capesius erfasst weitere Untersuchungsbereiche. Sie beziehen sich auf die Tätigkeit der Vollstrecker und Helfershelfer im Umkreis von Mengele, Capesius, Klein, Moll, Nyiszli, Grabner, Boger, Kaduk, Jurasek, Roland und anderen, unter ihnen eine große Anzahl von aus Siebenbürgen stammenden Schergen.
Auch die wissenschaftlichen „Nutznießer“ der wahnwitzigen medizinischen Versuche geraten in das Visier der dokumentarischen Untersuchungen. Ihre mörderischen Taten und ihre mit „wissenschaftlichem“ Erkenntniswahn vorangetriebenen Experimente werden auf der Grundlage der Zeugenaussagen bestätigt, und aus der Sicht des Erzählers erweitert und vertieft.
Doch damit nicht genug: die unerbittliche Suche des Autors nach den Motivlagen und Antriebselementen der Mörder gehört zu den besonders hervorzuhebenden Merkmalen der Dokumentation. Sie gipfelt in Tonbandprotokollen, die er 1978 mit Capesius in Göppingen führte, wo der Auschwitzapotheker nach dem Krieg wieder eine Apotheke führen durfte, obwohl er im Prozess von 1964 zu neun Jahren Gefängnisverurteilt worden war, ohne berufliche Folgen aus seiner mordbeladenen Vergangenheit!
Ausschnitte aus diesen Gesprächen montiert Schlesak in die Aussagen von Entlastungszeugen und die Fragen der Richter und Verteidiger. Darüber hinaus zitiert er aus Briefen, die Capesius aus dem Gefängnis an seine Frau und seinen Schwager schickte, um seine „Schuldunfähigkeit“, zu der sich, wie fast alle anderen Angeklagten, mit Vehemenz bekannte, noch einmal „nachzuweisen“.
In diesen schriftlichen Dokumenten verdichtet sich auch der Eindruck von einem Todesbürokraten (vgl. dazu auch die Auflistung der Züge und Opferzahlen, S. 149), der „unter der Belastung seines Amtes leiden musste“ und gleichzeitig kaltblütig die Zykon B-Blechschachteln austeilte, dann und wann auf der Rampe stand, um lächelnd - auch auf Ungarisch - Mütter mit ihren Kindern in die Gaskammern schickte. Nachgewiesen durch Zeugenaussagen wurde auch sein Verhalten, als jüdische Deportierte aus seiner Heimat ihn erkannten, ihn begrüßen wollten, er sie jedoch kalt abservierte.
Und im April 1945, als sich Capesius mit dem Rest der Nazischergen aus Auschwitz abgesetzt hatte? Der auktoriale Kommentar hält fest: „Zweimal war Capesius interniert, 1945/46 als Kriegsgefangener bei den Briten im KZ Neuengamme, und, angezeigt von einem ehemaligen Häftling, im ehemaligen KZ Dachau. Seit 1950 ist er auch der Zentralstelle in Ludwigsburg bekannt, er wird mehrmals wegen Auschwitz zu Verhören geholt und von der Polizei befragt. Nein, versteckt hat er sich nicht, der Dr. Capesius.“ (S. 169)
Eine Spruchkammer habe ihn in Stuttgart 1947 für unschuldig und nicht belastet hingestellt, sagte er dem Autor 1978, er sei nicht aktiv in der SS gewesen, er habe immer für das Gesundheitswesen im Deutschen Reich gearbeitet. Und sein schneller wirtschaftlicher Aufstieg nach 1950? Im Auschwitzprozess wurde ihm vorgehalten, er habe mehrere Immobilien erworben, darunter die Marktapotheke in Göppingen, einen Kosmetik-Salon in Reutlingen, eine Eigentumswohnung und eine in der Steiermark gepachtete Jagd.
Auf Grund zahlreicher Zeugenaussagen konnte ihm nachgewiesen werden, dass sich der „unschuldige“ Apotheker in unsagbar dreister Weise an den ermordeten Häftlingen in Auschwitz bereicherte, indem er vor allem das Zahngold, das Häftlingsärzte den vergasten Menschen aus den Kiefern herausreißen mussten, regelmäßig „in das Reich“ transportieren ließ. Mit dem Erlös aus dem Zahngold und anderen Wertsachen baute er sich seine Nachkriegs-Existenz auf.
Schlesaks Dokumentation setzt sich auch mit anderen Details der rassenwahnsinnigen Politik der Nazischergen auseinander. Im Kapitel III zeichnet er unter dem Titel ‚Der deutsche Volkskörper-Wahn und die deutsche Sprache als Heilmittel’ am Beispiel des Hermannstädter Psychiaters Dr. Jekelius, der Direktor einer Tötungsklinik im Spiegelgrund war und dort kranke Kinder ermorden ließ, einige Hintergründe für die Realisierung des Euthanasie-Programms der Nazis nach. Jekelius war der Ehemann von Hitlers Schwester Paula.
In Jekelius nachgelassenen Papieren gab es eine Notiz, in der nach dem Willen des übermächtigen Bruders sie ebenso wie die gesamte Familie Hitler unbekannt bleiben sollte. Hitler habe sich seiner Verwandtschaft, in der der Anteil geistig gestörter Menschen besonders hoch war, geschämt. Im Kapitel IV geht Schlesak dem Komplex ‚Ordnungsliebe und Pflichtbewusstsein’ nach, von dem die Nazimörder – als Teil der Verinnerlichung der nationalsozialistischen Wahn-Ideologie – geprägt waren. Indem sie sich auf ihr „Pflichtbewusstsein“ beriefen, hätten sie – mit Ausnahme von Dr. Lucas – auch keine Schuld eingestanden.
Ein weiterer Aspekt des rassenhygienischen Wahns wird im Kapitel V (Liebe im Todeslager) abgehandelt, die Rolle des nationalsozialistischen Wissenschaftsapparats bei der Vernichtung „unwerten“ Lebens unter dem Stichwort ‚Mein Gott, Wissenschaft’ im Kapitel VI thematisiert. In diesem Kapitel greift Schlesak nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Mengele und Capesius auf, er setzt sich auch mit der Mitschuld einiger jüdischer Ärzte auseinander, die im Dienste des medizinischen Massenmörders Mengele die Experimente mit Zwillingen und Liliputanern durchführen mussten.
Auch die Nachkriegskarrieren einiger SS-Ärzte mit Lehrstühlen an westdeutschen Universitäten werden erwähnt. Zu den abschließenden erschütternden Dokumenten gehören der Bericht über den Aufstand der Sonderkommandos, die Testamente des Sonderkommandos, das seit Ende 1944 die Krematorien abbauen und vernichten musste, die Bekenntnisse des SS-Manns Roland über die Schaffung einer neuen Religion, die Details über die täglichen Hinrichtungen in Auschwitz an der Jahreswende 1944/45, die Dokumente über die antisemitische Einstellung von hohen Amtsträgern der Evangelischen Landeskirche in Siebenbürgen, Berichte über die Bombardierung von Auschwitz durch alliierte Geschwader im Januar 1945 und das grausame Schicksal der Häftlinge, die vor der Besetzung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 unter der Bewachung von SS-Kommandos die Todesmärsche durch Oberschlesien antreten mussten.
Und der Chef der kriminellen Auschwitz-Ärzte, ein gewisser Dr. Wirths? Er besaß wenigstens die Courage, sich nach seiner Flucht in den Norden Deutschlands zu erhängen, während ein großer Teil der geflüchteten Auschwitz-Mörder untertauchte.
Schlesaks großes dokumentarisches Werk über den Todesbürokraten Capesius leistet eine Aufklärungsarbeit besonderer Art: sie verwandelt die Fiktion von der Hölle der Massenvernichtung in eine unerbittliche Realität, in der die mündlichen und schriftlichen Beweise der unsagbaren Verbrechen sich zu einer kompakten Aussage über die Shoa verdichten, in der die Befehlsvollstrecker noch einmal vor das Gericht der Opfer gestellt werden, in deren Namen der aus dem siebenbürgischen Schäßburg stammende Autor, Jg. 1934, mit seinen nazihörigen Landsleuten unerbittlich abrechnet.
Ein mutiges Buch, das in den Kanon der Auschwitz-Literatur aufgenommen werden sollte, gerade, weil eine solche Form von Dokumentationsroman für nachfolgende Generationen eine lebendige Erinnerungskultur schafft.
(Wolfgang Schlott)